Zu einer Neuauflage staatlicher Bewirtschaftung war es damit nicht gekommen, und Erhard konnte sein liberales Gesicht wahren. Aber mit Marktwirtschaft hatten derlei korporatistische Lenkungspraktiken nichts zu tun und Erhards Projekt des zwangsweisen Markensparens auch nicht.

Die Bundesrepublik war in den fünfziger Jahren ohnehin nie ein Modell lupenreiner Marktwirtschaft. Der Wohnungsmarkt blieb beispielsweise noch lange bewirtschaftet, es gab staatliche Sonderprogramme wie das Arbeitsbeschaffungsprogramm von 1950, und gerade bei der Lenkung der Kapitalströme redete der Staat ein gewichtiges Wort mit. Dies betraf etwa die Investitionsmittel des Bundes, die Verteilung des Geldes aus dem Marshallplan oder massive Steuervergünstigungen. Viele notwendige Investitionen, die bei einem reinen Marktkalkül nicht rentabel waren, wurden erst durch Erhards Steuererleichterungen lohnend.

Heiner Adamsen, dem wir eine fundierte Untersuchung über die Entstehung des Investitionshilfegesetz von 1952 verdanken, urteilt: "Letztlich zeigte sich Erhards Politik wesentlich undogmatischer, als es eine törichte Legende will. Die Allmacht des Marktes wurde immer dann eingeschränkt, wenn aus der jeweiligen Situation eine gezielte Einflußnahme geboten schien." Und man kann ergänzen: Erhards Einfluß schwand, als er diese Flexibilität einbüßte und auf neue Probleme nur noch die Heilungskräfte des Marktes beschwören konnte, auch wenn diese allein offensichtlich überfordert waren. Dies wurde in Erhards zögernden und unsystematischen Reaktion auf die Kohlenkrise seit Ende der fünfziger Jahre deutlich und bei der Rezession 1966 schließlich unübersehbar.

Erhards Politik angesichts wechselnder Herausforderungen in den vierziger, fünfziger und sechziger Jahren, seine praktischen Schritte, seine Wahrnehmung der konkreten Situation, dargestellt an Konzepten des Akteurs, vertraulichen Notizen, Strategiepapieren und öffentlichen Statements, das Ganze sachkundig erläutert und kommentiert: das wäre eine spannende Lektüre. Aber in Hohmanns Auswahl begegnen wir fast nur dem Erhard der Sonntagsreden.

Der Herausgeber wollte aber wahrscheinlich ganz bewußt weg von der jeweiligen konkreten Situation. Hier sollte dem Leser Philosophie und Sittlich-Moralisches, "Ludwig Erhards geistiges Vermächtnis" (so die erste Zeile der Einleitung), präsentiert werden. Dieses Vorhaben mußte bei dem Umfang des vorliegenden Bandes scheitern: Ludwig Erhard hat sicherlich immer das Beste gewollt und viel Richtiges gesagt; aber als Denker war er einfach nicht originell genug, als daß man mit ihm 1100 Seiten füllen könnte.