Sergej Prokofjew: "Die Sinfonien"

Nach offizieller Lesart sind es sieben, in dieser Gesamtaufnahme freilich acht Sinfonien: Die "Vierte" ist in zwei Versionen dokumentiert – als 1930 uraufgefuhrtes Auftragswerk Sergej Kussewitzkijs (op. 47) sowie in der siebzehn Jahre später grundlich überarbeiteten Fassung (op. 112). Das Ganze erweist sich bei einer Horzeit von knapp fünf Stunden dann doch wohl als ein "Wälzer" – dickleibig und über die ausgesprochenen "Knüller", die "Klassische" (Nr. 1) und die "Fünfte" (op. 100) hinaus auch reichlich verstaubt. Im Abstand der Jahre durfte gar mancher mit der vielfach aufgeblähten, immer wieder zu überdrehter bruitistischer Orgie neigenden Musik recht wenig anzufangen wissen. Weder das Schockhafte der darin eingeflossenen sowjetischen Revolutions-Asthetik noch die nach der Ruckkehr in die Heimat in Anpassung an die seinerzeit herrschende stalinistische Kulturpolitik angestrebte Zurücknahme westlicher Einflüsse geht differenzierten Hörern gegenwartig unter die Haut. Das mag auch mit Übersättigung zu tun haben, bezieht sich aber wahrscheinlich mehr auf die Inhaltsleere. Den Exil-Russen Mstislaw Rostropowitsch, dessen Schicksal dem seines Landsmannes Prokofjew nicht unähnlich ist, kümmert ein solches Ansinnen mitnichten. Mit sprühender Vitalitat und leicht vorstellbarer "Barengestik" feuert er sein Orchester zu Höchstleitungen an, effektreich den ganzen Charme, derer die "russische Seele" machtig ist, aufbietend. Ein kraftvolles Spiel, durchweg voller deftiger und polternder Eleganz. Die populäre "Klassische Sinfonie" hat man mit so derben Akzenten und Farben zuvor kaum gehört. Peter Fuhrmann

Nanette Scriba: "Ich bin dran"

Vor neun Jahren debütierte Nanette Scriba mit franzosischen Chansons, die sie französisch vortrug – und fiel damit auf. Vier Jahre darauf sang sie deutsche Lyrik – und weckte Neugier. Nun, nach etwa ebenso langer Zeit, singt sie eine ganze Schallplatte lang Lieder, deren Texte sie bis auf zwei verfaßt und bis auf eines auch vertont hat: erstaunliche Talentproben im leicht verwahrlosten Metier des (deutschen) Chansons. Ihre Themen sind das Leben und die Liebe: Sie sieht im Kaufhaus eine Metapher für das Leben; sie erzählt von der hingebungsvoll-trotzigen Liebe zu einem "Midlifelover"; sie fällt über die "Schickis und Mickis, die Yuppies und Puppies, die Tussies und Schnösel" her und versenkt sich in eine ängstliche, trotzige Herbstbesinnung; sie parodiert die Jugendsprache und besingt mal getragen, mal ausgelassen vom Verlangen nach Liebe. Was auch immer – sie ist eine kluge Beobachterin, sie hat die Gabe der Ironie und den Mut zu allerlei Fragen: Notizen aus einer Art lyrischen Stenogrammheftes, Alltagspoesie-Chansons. Ihre Musik ist eins damit. Es ist eine farbige, vielfältig sich bewegende, an Stimmungen reiche, situationssichere Musik mit rhythmischem Pfiff, und genauso trägt sie sie mit ihrer hübschen, mädchenhaften, extrem unverbildeten Stimme vor, begleitet von vier exzellenten Musikern. Es gibt ein paar ungelenke Partien, aber es fehlt ihr nicht an Darstellungskraft – und auch nicht an Witz. Das enervierendste Lied aber ist ganz alt, es kommt aus Henry Purcells Oper von 1691 und heißt "The Cold Song": Es fröstelt einen schon sehr bei dieser endlos aufsteigenden, todessüchtigen barocken Vision. (BMG ARLIS ariola, Verler Straße 430, 4830 Gütersloh; LP 831131-938) Manfred Sack