Von Benjamin Henrichs

Zehn Jahre dauerte der Streit, so lange wie der Kampf um Troja – doch nun ist er entschieden. Angefangen hatte ihn einer, der keinem Streit aus dem Wege geht: Peter Zadek, Regisseur. Ende 1978, heimgekehrt von einer beglückenden Theaterreise nach London, schickte er der ZEIT einen Text, der fröhlicher Erlebnisaufsatz und feierliches Manifest zugleich war. Von einem „Theater, ganz nah an der Straße“ schwärmte und predigte Zadek, und er brachte auch gleich seinen Kronzeugen mit – einen in Deutschland damals noch ziemlich unbekannten Stückeschreiber namens Alan Ayckbourn.

Dieser sagenhafte Ayckbourn, so lasen wir damals halb beglückt, halb ungläubig, sei „interessanter als Marivaux, nicht so vermottet und genauso perfekt formuliert“. Natürlich auch „komischer als Nestroy“. Vor allem aber „ach so viel, viel verständlicher geschrieben als Botho Strauß’ Stücke (der sich bestimmt Muhe machen würde, für ein größeres Publikum verständlich zu sein, wenn das deutsche Theater, in dem er arbeitet, es ihm nicht verübeln würde). Strauß ist der deutsche Boulevarddramatiker, aber er kann es nur mit schlechtem Gewissen sein, muß es also verbergen.“

Seitdem gibt es diesen nicht gerade nervenzerfetzenden, aber doch zählebigen Streit: Ist Alan Ayckbourn der Molière unserer Jahre oder doch nur ein besserer Konfektionär? Und wäre Botho Strauß nicht ein viel besserer Dramatiker, wenn er nur so gut wäre wie Ayckbourn?

Auf der einen Seite des Gefechts, in einer etwas schrägen Koalition: Peter Zadek und das Fachblatt Theater heute (einst Seelze, heute Berlin). Auf der anderen Seite der gründlich humorlose Rest der deutschen Theaterwelt. Zu später Stunde stürzte sich auch noch der Spiegel ins Getümmel, mit einer wahrhaft brisanten Enthüllung: „Der Bauch (Alan Ayckbourns Bauch – d. Red.) ist ein Theaterbauch.“ Die Entscheidungsschlacht war nahe.

An Deutschlands berühmtestem Boulevard, nur wenige Minuten voneinander entfernt, stehen zwei Theater, „ganz nah an der Straße“. Das eine ist die Schaubühne am Lehniner Platz, das andere das Theater am Kurfürstendamm. Ein Tempel des Welttheaters das eine, ein Sündenpfuhl des Salontheaters das andere. Im einen Haus spielt man zur Zeit Botho Strauß (was sonst?), im anderen Alan Ayckbourn – auf seiner Flucht vor dem Hamburger Schauspielhaus ist Peter Zadek über Wien nach Berlin gekommen und inszeniert hier Ayckbourns Science-fiction-Komödie „Ab jetzt“.

Aber höchst sonderbar: den besseren Boulevard gibt’s im Tempel, den sauren, den gewissermaßen „deutschen“ Tiefsinn im Komödienhaus. Während Luc Bondy „Die Zeit und das Zimmer“ in ein leuchtendes, intelligentes Theaterfest verzaubert, plagt sich Zadek mit seinem Ayckbourn ächzend herum – und das nur wenige Wochen nach seinem wie mühelosen Geniestreich von Wien, wo er Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ in eine furiose Gegenwartskomödie verwandelt hatte.