Auch wir hatten einmal einen Feind. Es war in der Mittelstufe des Gymnasiums, Anfang der siebziger Jahre. Clemens war der Sohn eines bekannten Industriellen in einer niederrheinischen Provinzstadt. Er war intelligent, sportlich und selbstbewußt, und er konnte sich gut ausdrücken. Seiner Geistesgegenwart wegen hieß er „Die Glühbirne“.

Es war die Zeit, als aus der Popmusik Rockmusik wurde, als Joints und kleinere Dosen LSD selbst in den Toiletten humanistischer Gymnasien herumgereicht wurden, die Sozialkundelehrer Marx auswendig zitierten und im Deutschunterricht Brecht gleich nach Goethe kam. Als langhaarige Haschischraucher hatten wir ein gutes Drittel der Klasse auf die Seite von Drogen, Sex und Lässigkeit gezogen. Going easy war das Motto. Der Rest, die Klientel der Glühbirne, war im Verlauf weniger Monate zum Klassenfeind geworden. Lederjacken, Mädchen, Alice Cooper, schwarzer Afghane – alles wurde zur Waffe im Kampf um das richtige Leben. Man wollte geächtet werden und in der Ablehnung anerkannt. Und man war nicht dumm. Der Wille zur Feindschaft schärft den Verstand. Trotzdem blieben der Gruppe um Clemens die guten Noten und die schulische Mitsprache reserviert. Den Klassenfreaks gehörten dafür die Griechenkneipen, Billardtische und Mädchenherzen. Man redete nicht mit-, sondern grundsätzlich gegeneinander.

Das änderte sich so langsam, daß es erst keiner merkte. Bis uns dann eines Tages wegen einer Rauferei und Trunkenheit am Reagenzglas der Rausschmiß aus der Schule drohte. Da trat die Glühbirne, mittlerweile Schulsprecher, in ihrer ganzen Geistesgegenwart auf den Plan. In der Schülerzeitung ließ sie in diplomatischer Manier eine Apologie auf die Formen persönlichen Widerstands los. Er erklärte das anarchische Aufbegehren der Jugend mit der verkorksten Triebstruktur der Konsumgesellschaft, die sinnliche Faszination der Drogen mit der Entsinnlichung der Kultur und appellierte an die soziale Verantwortung der Institution Schule.

Diese großherzige Verteidigung hielten wir natürlich für einen miesen Schachzug der Gegenseite, für einen opportunistischen Offenbarungseid. Trotzdem war danach nichts mehr so, wie es vorher war. Ein Gesprach war eröffnet. Die Glühbirne hatte uns heimgeleuchtet, sich zu weit auf unsere Seite herübergelehnt, als daß man den symbolischen Krieg einfach hätte weiterführen können.

Die klare Front war verwischt. „Der Feind“ hatte zuviel verstanden, wenn auch das Entscheidende nicht. Das wollten wir ihm nun beibringen. Wir trafen uns an Nachmittagen und redeten miteinander. Unter dem Blickwinkel der Feindschaft war das ein Sündenfall. Nun war das bessere Argument die Waffe. Das zog Lektüre nach sich. Freud und Marcuse, Sartre und Alfred Adler.

Das Gesetz „Wer redet, schlagt nicht tot“ trat in Kraft. Aus Feinden wurden Parlamentarier, und der gesamte Bestand an symbolischen Waffen – Musik, Kleidung, Mädchen, Drogen – wurde mit einem Schlag zur Freizeitunterhaltung, zum Hobby oder schlichter: zur Kultur.

Klar, daß von nun an auch mit der Schule alles in geordneten Bahnen lief. Aus den Unterrichtsstunden wurden Diskussionsveranstaltungen, und die Freaks von einst schlugen rhetorisches Kapital aus ihrer Unangepaßtheit, die sich damit natürlich von selbst erledigte. Unsere letzte Phase wirklicher, weil legitimationsfreier Feindschaft war zu Ende. Dafür hatten wir gelernt, das Wort Emanzipation anzuwenden, es unseren eigenen Wünschen voranmarschieren zu lassen. Wir konnten begründen, was wir wollten. Wir waren verständig geworden. Wir waren Kritiker, aber niemandes Feind mehr.