Als 1789 die französische Nation die Fesseln des Feudalsystems sprengte, schien auch für die deutschen Territorien eine neue Ära anzubrechen "Das Bild besserer, gerechterer Zeiten ist lebhaft in die Seele der Menschen gekommen, und eine Sehnsucht, ein Seufzen nach einem reinern, freiem Zustande hat alle Gemüter bewegt und mit der Wirklichkeit entzweit", so beschrieb der Philosoph Georg Friedrich Wilhelm Hegel die Aufbruchstimmung jener Tage. Doch schon wenige Jahre später, als sich die Entwicklung in Paris radikalisierte, die Jakobiner den "Schrecken" auf die Tagesordnung setzten, wandten sich viele Vertreter der deutschen "Gelehrtenrepublik" voller Abscheu von dieser, wie sie meinten, Kehrseite der Revolution ab.

Die kleinen Gruppen radikaler Demokraten, die weiterhin auf eine revolutionäre Mission Frankreichs setzten, sahen sich zunehmend isoliert, schließlich gänzlich in ihren Hoffnungen betrogen, nachdem die vorrückenden französischen Armeen die Rolle der Befreier mit derjenigen der Eroberer vertauscht hatten. Sie gerieten schnell in Vergessenheit, und es gab nur wenige Geschichtsschreiber, die — wie der Sozialdemokrat Kurt Eisner vor 1914 — sich ihrer überhaupt noch erinnerten:

"Es sind hochbegabte, kraftvolle Männer unter diesen deutschen Revolutionären, sie gingen an der deutschen Misere zugrunde, und sie, die fähig waren, Führer zur Befreiung zu werden, mußten tatenlos sich zerstören; selbst ihre Namen sind kaum erhalten, und über ihr Leben findet man nur dürftige und dazu gehässige Notizen " An diesem unerfreulichen Zustand hat sich seit den sechziger Jahren unseres Jahrhunderts einiges geändert. An die Pionierarbeiten des DDR Historikers Heinrich Scheel über die süddeutschen und des israelischen Historikers Walter Grab über die norddeutschen Jakobiner haben sich zahlreiche weitere Untersuchungen angeschlossen. Die deutsche Jakobinerforschung hat sich mittlerweile im Kanon der Geschichtswissenschaft fest etabliert, und zwar sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik und — vor allem durch die Studien Helmut Reinalters — in Österreich.

Wer nun allerdings meint, daß alles Wichtige zum Thema bereits gesagt, nichts Neues mehr zu entdecken sei, der wird durch eine zweibändige Publikation eines Außenseiters der HistorikerZunft eines Besseren belehrt. Der in Reutlingen lebende Hellmut G. Haasis hat sich mit einer Vielzahl von Studien, unter anderem zu den linksrheinischen Demokraten nach 1789, zum Hambacher Fest 1832 und zur Revolution 184849, einen Namen gemacht. Mit seiner großen dreibändigen Anthologie "Spuren der Besiegten" (1984) hat er die Erforschung wenig bekannter Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte um ein weiteres gutes Stück vorangebracht. Das neue Werk setzt die Bemühungen des Autors fort, verschüttete demokratische Traditionen freizulegen und vergessenen Freiheitskämpfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Haasis ist Historiker aus Leidenschaft. Ausgestattet mit detektivischem Spürsinn, geht er nicht auf den ausgetrampelten Pfaden der Forschung, sondern dort, wo er noch fündig werden kann. Was er in jahrelangen Recherchen aus verstaubten Winkeln auch entlegener Archive zutage gefördert hat, sind seltene Dokumente einer demokratischen Untergrundliteratur: kleine Zettel mit den Losungen der Revolution, die nachts heimlich an Türen und Mauern angeschlagen wurden; Drohbriefe, in denen sich Unmut Luft machte; Flugblätter und Flugschriften, die die revolutionäre Propaganda weitertrugen; Parodien, etwa die aktualisierten Abwandlungen des "Vaterunser", von denen hier einige Kostproben geboten werden; Witze und Satiren, mittels derer die Herrschenden dem öffentlichen Spott ausgesetzt wurden; politische Lieder, die auf den Festen der Demokraten, auf Straßen und in Gasthäusern gesungen wurden; Fabeln und Parabeln, die besonders der nach Straßburg emigrierte Jakobiner Eulogius Schneider zu einem sehr wirkungsvollen Agitationsmittel umformte. Viele dieser Trouvaillen werden hier zum erstenmal nach 200 Jahren wieder abgedruckt — darunter auch das bisher unbekannte Protokoll der ersten Sitzung des Mainzer Jakobinerklubs, das selbst Heinrich Scheel in seinem vorzüglichen großen Editionswerk zur Mainzer Republik entgangen ist.

Zu den seit 1789 kreierten Formen einer rebellischen Gegenkultur zählt Haasis auch eine neue Bildersprache — mit dem beliebten Motiv der Freiheitsgöttin mit Lanze und Jakobinermütze — oder auch bestimmte Symbolhandlungen wie das demonstrative Tragen der dreifarbigen französischen Kokarde und happeningartige Aktionen auf Festen und Maskenbällen. So führten Schüler der Stuttgarter Karlsschule, der berüchtigten Eliteschule des despotischen Herzogs Karl Eugen von Württemberg, 1791 in Gegenwart des Hofes und emigrierter französischer Prinzen eine Pantomime auf, in der die Abschaffung des Adels symbolisch dargestellt wurde — "eine unerhört mutige Tat", wie Haasis kommentiert.

Ebenso phantasievoll waren die Wege, die zur Verbreitung der revolutionären Propaganda ersonnen wurden. Flugschriften wurden zwischen Buchdeckeln geschmuggelt, Agitationsverse in Tabakdosen versteckt, Briefe in Kleidern eingenäht. Viele der von Haasis gesammelten (und in den überlieferten Textvarianten edierten) Dokumente hatten bereits eine abenteuerliche Geschichte hinter sich, bevor sie in die Hände der Polizei fielen, um danach in den Archiven zu verschwinden. Vieles ist aber auch für immer verlorengegangen oder nur noch in Bruchstücken aus den Reaktionen der Obrigkeit zu rekonstruieren.