Daß das Metier des Komponierens bei Beethoven in einem besonderen, emphatischen Sinn zu einem Form- und Strukturdenken geworden“ sei, hat Carl Dahlhaus in einem seiner letzten Werke als Prämisse vorangestellt. Die Bedeutung dieses Sachverhalts begreiflich zu machen, nannte er das Ziel der ’300 Seiten umfassenden spannenden Bettlektüre für musikalisch Höchstgebildete (für die es zu Bachs Zeiten noch das schone Wort „Liebhaber“ gab).

Für ein „Beethoven-Bild“, so erläuterte der Autor im Vorwort, fehlten allerdings auch heute noch so gut wie alle notwendigen Voraussetzungen. Und dann wird aufgezählt: Es fehlt an der Analyse des „Mythos“, es fehlt an der Präzisierung der Zusammenhänge zwischen biographischem Dokument und lebensgeschichtlicher Wirklichkeit, zwischen Sozial-, Ideen- und Kompositionsgeschichte, zwischen musikalischer Gattungstradition und Werkindividualität. Rundum Nacht.

Das sagte einer mit stoischer Ruhe, mit dem unüberhörbaren Unterton der Unrast, vielleicht sogar der Resignation angesichts der ihm verbleibenden kurzen Lebenszeit. Einer, der mit mehr Schärfe des Geistes ausgezeichnet war als fast alle anderen; einer, der ein Riese war an Schaffenskraft und Präsenz des sich immer weiter ausdehnenden Wissens. Einer, der unablässig nachgedacht hat über den Kunstcharakter der Kunst und der – je länger, je mehr – mit der Erkenntnis zurechtkam, daß „der Abstraktionsbegriff der Logik für die Zwecke der musikalischen Analyse nur sehr bedingt brauchbar ist“.

Dahlhaus’ Arbeitsgebiete reichten vom Mittelalter – also vom Nachleben der Antike – bis zur Moderne, und dies wieder ganz in dem „emphatischen Sinn“, der das Fortbestehen von Kultur an die Fähigkeit zur Gesamtschau wie an die Detailgenauigkeit der Wisser unabdingbarer „minima moralia“ knüpft: Die wissenschaftliche Methode ebenso betreffend wie die persönliche Integrität.

Dahlhaus hat wie kein anderer seiner Zunft in Hunderten von Einzeluntersuchungen, kritischen und analytischen Notaten zu Themen des Tages und der Zeit, zum immer noch verkommenen Zustand des Reflektierens in unserem Land Stellung genommen. Das übersieht, wer dieses ständige Umkreisen der Idee des Absoluten in der Musik für aktualitatsfern halt. Auch zu unpolitisch haben ihn manche genannt. Aber Dahlhaus verstand seinen Hegel und Marx längst, bevor sich das Eintreten der Hintertür wieder einmal als Schnellweg zu akademischen Amtern und Würden zu empfehlen schien.

Daß Dahlhaus als „Außenseiter“ in eine Art Isolation gedrangt worden sei, ist falsch und richtig zugleich. Zwar hielt sich ein nicht unbeträchtlicher Teil der heimischen Fachwelt in scheuer Distanz. Und auch die Berufung an die Berliner Technische Universität – 1967 als Nachfolger von H. H. Stuckenschmidt auf dessen Wunsch und Anregung hin – schien das Außenseitertum eines selbst gewählten Sonderstatus in Klausur zunächst zu bestätigen.

Aber das Ausland, vor allem das angelsachsische, sah und erkannte in Dahlhaus, was es von den besten Repräsentanten der Wissenschaft dieses Landes zu erwarten gewohnt war: den universell gebildeten, kritischen Geist und den die nationale Enge weit überragenden Gelehrten. Und es sah in vielen Einrichtungen beider Teile Berlins wenn nicht den Glanz, so doch den Abglanz der alten Metropole wieder (wobei natürlich auch noch andere Namen wie der des einstigen Gottinger Studienfreunds und Musikkollegen an der Freien Universität, Rudolf Stephan hinzuzuzahlen wären). Zum enormen Arbeitspensum von Carl Dahlhaus zahlten so große Unternehmungen wie die Herausgeberschaft des auf zwölf Bande angelegten „Neuen Handbuchs der Musikwissenschaft“ (zu dem Dahlhaus selbst nicht weniger als drei Bände beigesteuert hat) ebenso wie die Betreuung der neuen Richard-Wagner-Gesamtausgabe oder die Mitherausgeberschaft der Werke Arnold Schoenbergs. Als Hauptwerk dürfte die erst vor Jahresfrist erschienene „Klassische und romantische Musikästhetik“ anzusehen sein, in dem das 19. Jahrhundert (samt seinen Folgen) und die europäische Klassik (samt ihren historischen Bedingnissen) näher zusammengerückt erscheinen als je zuvor: Genauer ist die Idee des Absoluten in der Musik als komplexester Zusammenhang fortwirkender historischer Realitäten bisher nicht gefaßt worden.