Ganz klein macht Doris Runge Gedichte. Sie ecken nicht an. Allerdings, wenn schon ohne Stachel, so könnte es vielleicht, möchten wir ermuntern, ein wenig stimulieren, ein wenig Anstoß zu irgendetwas sein. Ein derart verwegener Gedanke wird offensichtlich nicht einmal erwogen. Ihr Gedicht sei ein Steinchen nur, ungeeignet für die Schleuder, träfe nicht einmal einen Spatzen, sei „zu leicht“, ahnten wir es nicht, „für anschlag / und mord“. Kann Poetik banaler sein? Oder tarnt sich die Lyrikerin? Keineswegs; denn jetzt bricht es in „mein gedicht“ unvermittelt heraus, bombastisch und schwülstig – die Fallhöhe wird um so größer, wenn wir uns an die Redensart erinnern, daß einem manchmal ein Stein vom Herzen falle –: „geröll aus / dem herzen aufschlag / im wort“.

Doris Runges neue Gedichte sind oft noch wortkarger als jene in dem Band „jagdlied“ (1985). Ihr genügen zwei Dutzend Wörter, manchmal weniger, selten mehr. Da liegt es nahe, von Ökonomie der Mittel zu reden. Das hätte allerdings erst Sinn, wenn der sparsame Worthaushalt wirklich Verzicht auf Ausdrucksmöglichkeiten bedeutete, also Fülle voraussetzte, wenn die Elementarteile des Gedichts voller Energie wären, wenn das Ungesagte, Verschwiegene (Be-)Denkwürdiges einbrächte. Das Emotions- und Erfahrungsfeld ist in diesen Gedichten allzu eng abgesteckt. Da liegt dann vieles auf der Hand, ganz unbedenklich, und es kommt oft nicht viel mehr zur Sprache, als die Druckerschwärze benotigt. Einem epigrammatischen Dreizeiler mit dieser Botschaft den Titel „exempel“ aufzubürden, dekoriert den Allgemeinplatz nur. Und es stimmt ja, daß das Wort „Liebe“ abgegriffen ist und kaum noch Schwingung hat. Aber „der liebe auferstehung“ zu singen, die Liebe also gen Himmel aufzuheben – ein derartiges Zelebrieren zeigt um so mehr, wie flach und ärmlich die Vorstellung ist. Kein Wunder, daß der Ge’sang maulig-dissonant wird: „in jedem bäum baut / fleisch ein nest“. Das soll kraftvoll tönen und scheppert doch nur.

In der Schenkelschere

Manchmal, in den Liebesgedichten, gelingt Doris Runge eine Verallgemeinerung persönlicher Erfahrung, ein schockartiger Zauberspruch: „angst macht / liebe / macht angst.“ Leider versucht sie, die an sich schon gnadenlos-hermetische Sentenz zu überbieten und zitiert die alte Hydra aus dem Antiquitätenladen herbei. Die angstbesetzte „himmelfahrt / in der / schenkelschere“ wirkt so wie eine kunstfertige Partizipation und der Schrecken abgeleitet und damit aufgehoben. Der Griff ins Repertoire der Mythen versöhnt aber nicht nur das für einen Augenblick Ungewöhnliche mit dem Althergebrachten. Er ist auch unsicher, da ganz offensichtlich mit dem Erfahrungsstoff nicht zu vereinbaren. Ein anderes Beispiel: Die Liebende erlebt ihre Liebe zugleich wie einen Schiffbruch und ein „galliges“ Opfer – „kein land / kain [!] acker“. Die Akzentverschiebung ist so schamhaftverhalten, daß sie mit dem Ohr nicht wahrzunehmen wäre. Das Gedicht, von des Mythos Blasse angekränkelt, wird plötzlich leer.

Das Haushalten mit dem Wort erfordert gewiß eine höchst sensible Anstrengung. Ausgedrechselte, mit Alliteration gemästete Zeilen wie „(Damen) halten hündisch geduckte / schatten schön bei fuß“ sind einfach ärmliche Passagen. Und es verdirbt das Aquarell „am fleet“, wenn alte durch Ebbe entblößte Speicher „paradentös“ genannt werden. Kaum zu glauben und doch offenbar das Ergebnis einer Kondensierung sind aber die Nordland-Gedichte „fischerklause“ und „zwischen den meeren“. Es mag ja Ironie im Hinterhalt liegen („Stammbäume / braune wurzeln / blonde triebe“), den Geist ihrer anrüchigen Bilder werden diese Gedichte dennoch nicht los. Und wer dem Wort so wenig Widerstand entgegenbringt wie Doris Runge, der verbrämt auch Panzermanöver zu einer niedlichen Sache „von katzen und spatzen“: „rollen leoparden kettenglieder / lernen herbstkatzen spielend töten“.

Thomas Zenke

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