Von Heinz-Günter Kemmer

Paul Gipe hätte gern auch noch sein letztes Hemd hergegeben, aber der Absatz seiner blauen T-Shirts an eine deutsche Journalistengruppe war eher schleppend – trotz des originellen Aufdrucks: Da war neben dem Städtenamen Rom der Petersdom zu sehen, neben Paris der Eiffelturm. Zu London gesellte sich Big Ben, schließlich zu Tehachapi ein Windrad. Und das alles für nur zehn Dollar.

Über die Kombination von Tehachapi und Windrad kann sich nur wundern, wer Paul Gipe nicht kennt. Denn der ist in dem rund 130 Kilometer nördlich von Los Angeles gelegenen Nest so eine Art Wind-Guru: Er hat Windenergie zu einer Weltanschauung und Tehachapi zum Pilgerziel für Anhänger alternativer Energien gemacht.

Diese bekommen in den Bergen um Tehachapi viel zu sehen und von Paul Gipe noch mehr zu hören. Da drehen sich, bei richtigem Wind, rund 4500 Turbinen, die jährlich 400 Millionen Kilowattstunden Strom erzeugen. In ganz Kalifornien drehen sich mehr als 16 000 Windräder und erzeugen im Jahr an die zwei Milliarden Kilowattstunden Strom – soviel wie der Block I des Kernkraftwerks San Onofre im Norden San Diegos.

Für Paul Gipe ist Windenergie inzwischen nicht nur etabliert, sondern auch besonders billig. Billiger sogar als Kernenergie, unterboten nur von Kohlekraftwerken – beim derzeit extrem niedrigen Weltmarktpreis für Kohle – und Anlagen mit Kraft-Warme-Kopplung. Und wenn der Guru erst einmal in Fahrt ist, dann sprengen seine Gedanken schnell die Landesgrenzen und verleiten ihn zu heftiger Kritik an der deutschen Energiepolitik.

Gipe zweifelt nicht einen Augenblick daran, daß Windenergie in deutschen Küstenregionen längst ihren festen Platz haben müßte, wenn es nur ein realistisches Windkraftprogramm gäbe. Statt dessen versuche man jedoch, die Grünen mit kurzsichtigen Projekten von ihrer Forderung nach einem größeren Programm abzubringen. Und der Einwand, ein paar tausend Windmühlen nähmen sich an der Küste Schleswig-Holsteins doch ein wenig anders aus als in der Weite von Tehachapi, tut seinem Eifer keinen Abbruch.

Einen bedeutenden Nachteil der Windenergie kann allerdings auch der große Guru nicht wegzaubern: Strom fließt nur, wenn der Wind bläst. Das ist am Tehachapi-Paß oft genug der Fall, aber der berüchtigte „Besucher-Effekt“ wollte es, daß sich den deutschen Journalisten ein eher trauriger Anblick bot: Die kleinen Windräder drehten sich in nur mäßigem Tempo, die großen standen still. Strom aus Windkraftanlagen fließt nicht unbedingt dann, wenn man ihn gerade braucht.