Von Lew Hohmann

Lew Hohmann: Unser Gespräch handelt von drei Männern. Von Friedrich Wolf, Ihrem Vater, von Ihrem Bruder Konrad Wolf und von Ihnen, Markus Wolf. Ihr öffentliches Image war drei Jahrzehnte dadurch geprägt, daß keine Bilder von Ihnen existierten. Man kannte Ihren Namen, aber wußte nicht, wie Sie aussehen. Deshalb waren viele überrascht, als Sie 1984 bereit waren, uns für den Film über Ihren Bruder „Die Zeit die bleibt“ ein Interview zu geben, das heißt erstmals im Fernsehen aufzutreten. War das ein frühes Indiz für ihren Abschied?

Markus Wolf: Damals traf vieles zusammen. Der frühe Tod des Bruders im März 1982, er war ja erst 56, hatte mich tief getroffen und war Anlaß, über das eigene Leben nachzudenken. Koni hatte das Projekt „Troika“ hinterlassen. Niemand außer mir war in der Lage, diese Geschichte authentisch zu berichten. Ich selbst wollte einige der vielen nichtgeschriebenen Geschichten aus meinem Leben, meinem Umfeld erzählen. Als ich dann im Januar ’83 sechzig wurde, konnte ich meinen Abschied einleiten. Außerdem war mein Bild, also auch meine Identität im Zusammenhang mit den Trauerfeierlichkeiten für den Bruder in der Öffentlichkeit bekannt geworden. Insofern war das Interview vielleicht einer der Vorgriffe auf den Abschied.

Wie schwer war es, diesen Schritt aus dem militärischen in das zivile Leben durchzusetzen?

Der Übergang von der Pflicht des Amtes zu den jetzigen Neigungen war kein harter Schnitt. Eine gewisse Öffentlichkeit gab es schon immer, und meine Arbeit hatte schon immer etwas mit Aufklärung zu tun. Natürlich bin ich nach wie vor der Geheimnisträger und muß bestimmte Regeln einhalten; es gibt Sachverhalte, deren Geheimhaltung garantiert sein muß, weil davon die Sicherheit von Personen abhängt. Das hat auch zur Folge, daß nach wie vor meine Bewegungsfreiheit ihre Grenzen hat. Dabei liegen die Gründe nicht nur bei uns. Nachdem in der westlichen Presse kürzlich über eine mögliche Stuttgart-Reise spekuliert wurde, hörte ich nun, daß es Anfragen bei der Erfassungsstelle Salzgitter und beim Generalbundesanwalt Rebmann gegeben haben soll, ob eine solche Reise mit strafrechtlichen Konsequenzen verbunden wäre ...

Mußten Sie dann mit einer Verhaftung rechnen?

Das können nur die genannten Stellen beantworten.