Unverjüngt stieg Phoenix aus den Trümmern

Es waren nicht nur die Träume, die in Trümmern lagen; es waren die ganz realen Häuser, Straßen, Städte. Und es war nicht, wie es eine idealische Geschichtsschreibung so gern hätte, ein Volk, das die Fesseln der Tyrannei abgeschüttelt und mit dem Bild einer neuen Gesellschaft, einer neuen Demokratie den Anfang gewagt hätte — einen Anfang, der auch in Architektur und Städtebau ein neues Bild gefunden hätte. Nein, es war alles viel einfacher und viel komplizierter, viel banaler und viel mittelmäßiger und, vielleicht, auch viel trauriger.

Auf der einen Seite steht die quantitative Bauleistung: der Aufbau der deutschen Städte und Gemeinden; steht die fast vollständige Erneuerung des Wohnbestandes bis heute — eine kaum zu überschätzende Anstrengung. Auf der anderen steht ein Wiederaufbau, den wir als architektonische Leistung bestenfalls mit Skepsis sehen, der aber damals, in den fünfziger und sechziger Jahren, euphorisch begrüßt wurde. Letztlich war er das Ergebnis von Kompromissen in jeder Hinsicht (und damit ein getreues Abbild der Bundesrepublik) — personell, stilistisch, technisch. Man kann auch sagen: Es war alles sehr menschlich und sehr normal.

Denn selbstverständlich ist die Annahme absurd, nach der Zerstörung, die Trümmer und Wohnraumnot hinterließ, was sich nach dem Zuzug der Flüchtlinge noch verschärfte, würde ein neuer Stil, eine neue Architektur entstehen; die Architekten, die vertrieben wurden, die Architekten des Neuen Bauens der zwanziger Jahre, würden jetzt ihre moralische und architektonische Kompetenz ausspielen und neue, bessere Planungen entwickeln. Denn sie waren es ja, die aus der über zwölf Jahre hinweg.

Erfahrung aber hatten zum Beispiel die Architekten des "Arbeitsstabes zum Wiederaufbau" von Albert Speer, die ja schon seit 1943 auf diesem Gebiet tätig waren. Und es war im Grunde nur zu verständlich, daß diese dann, nach 1945, zur Aufbauplanung herangezogen wurden, und das ist ganz unabhängig von einer moralischen Wertung. Gerade in Albert Speer, Hitlers Rüstungsminister und Chefarchitekten, kristallisierte sich das Bild jenes Architekten, der, allen beschönigenden Berufsbildern zum Trotz, unabhängig ist von der Macht und biegsam bis zur Selbstverleugnung. Der jüngst verstorbene Cäsar Pinnau bildet da ein typisches Beispiel: 1932 Stahlrohrmöbel in der Art Mies van der Rohes, 1938 Innenausstattung der Reichskanzlei, 1958 Bau des funktionalistischen "Olympic Towers" in New York, und, so schließt sich der Kreis, 1986 Innenausstattung beim Wiederaufbau der japanischen Botschaft in Berlin, die er schon in der NS Zeit vorgenommen hatte. Oder, wie es der Chef eines der größten und erfolgreichsten Architekturbüros der Bundesrepublik sagte: "Vom Einmarsch der Amerikaner am 17. April 1945 bis zum Wiederbeginn hatten wir gerade zwei Wochen Ferien" — danach wurde weitergearbeitet, zunächst im alten Stil (Albert Speer zum Bankhaus Trinkaus in Düsseldorf von Hentrich u a : erinnert der Bau an die für Berlin geplante OKW Fassade"), danach im neuen, "amerikanischen" Stil.

Aber nicht das ist es, was man den Architekten nachtragen sollte — allenfalls den einzelnen Menschen. Vielmehr das unerträgliche Pathos, mit dem immer noch Berufsvertreter eine ästhetische Position als moralische z u behaupten versuchen, eine Position, die anderen Menschen vorschreiben möchte, wie man zu leben, zu wohnen, zu arbeiten habe.

Was das alles mit dem hier vorgestellten Buch zu tun hat? Nun, es stellt eine persönliche Erkenntnis aus der Lektüre von 1070 Seiten dieses gewaltigen Kompendiums zum Aufbau deutscher Städte zwischen 1940 und 1959 dar. Zwei Autoren aus der Generation der Söhne, Werner Durth, Professor für Umweltgestaltung in Mainz, und Niels Gutschow, Denkmalpfleger in Münster, befragen ihre Vater — stellvertretend für viele andere und nicht (nur) auf der Suche nach individueller Schuld. Aber die Schuld ist nicht zu finden, weil sie in jener Generation kaum einer sah. Auch ein Albert Speer wäre nicht ins Gefängnis gekommen, wenn er sich auf die Architektur beschränkt hätte; nicht fur Zerstörung und Neubau Berlins als Hauptstadt "Germania" wäre er bestraft worden. Nein, mit "Schuld" hatte das alles nichts zu tun, wenn man im Auftrag des Staates plante und bauen ließ mit Steinen, die von KZ Häftlingen gebrochen worden waren; es war ja auch nicht ihr Verantwortungsbereich, der der Architekten, sondern "der des SS Schergen, der die Häftlinge zu größerer Leistung trieb. Die Architekten waren wie die Ärzte, Bahnbeamten oder Marinerichter unpolitische Sachwalter ihres Amtes, die ihre Pflicht taten. Wenn sich dem einer entzog, dann weniger wegen einer bestimmten Architekturauffassung, als wegen einer bestimmten politischen Haltung. Die anderen schlössen Kompromisse: zwar Bau einer Rüstungsfabrik, aber mit "modernem" Flachdach. Zwar Judentransport, aber pünktlich abgefahren Was Durth und Gutschow zum Thema Aufbau und Wiederaufbau deutscher Städte vorlegen, hat es in solchem Umfang und in der Genauigkeit der Durchdringung noch nicht gegeben. Sie gliedern den Stoff in zwei Teile: ein Band "Konzepte", der die durchgehenden Linien zieht — die der personellen Verflechtung und die der Konstanz der Ideen (auch international!). Ein zweiter, ungleich umfangreicherer Band enthält Studien zu einzelnen Städten mit den Planungen zum Aufbau nach 1945, dazu die Bilanz der Schäden, Rückblick auf die wichtigsten Diskussionsstränge und Planungsstudien nach 1945 und eine vorläufige Bilanz des Wiederaufbaus. Hinzu kommen ausführliche Anhänge mit Dokumenten und weiterführenden Hinweisen sowie die Kurzbiographien der Akteure (die aber besser am Schluß zusammenhängend stünden).

Freilich läßt sich hier kritisch rechten: warum nur vierzehn Städte, wieso diese Auswahl: nicht Berlin, nicht München, keine Stadt des Ruhrgebietes? Die Auswahl ist nicht allein durch "wissenschaftliche" Erklärungen begründet, sondern enthält auch Subjektives. Das hat mit den Gesprächspartnern zu tun, die als "Zeitzeugen" befragt wurden. Denn sie, die Hillebrecht, Guther, Henselmann oder Wortmann und die vielen anderen waren ja Mithandelnde jener Zeit, nicht nur unbeteiligte Zeugen. Das macht die Lektüre bisweilen geradezu spannend: das subjektive Element (selbst wenn das zu Lasten einer "unbestechlichen Objektivität" geht, die ja bei einer reinen Auswertung von Quellen und Architekten auch nur fiktiv ist). Nur, wenn man mit den noch Lebenden spricht, ihre Beweggründe hört, auch (selten genug) die Zwischentöne des Zweifels, nur dann läßt sich über jene Jahre authentisch berichten. Das aber kann nur geleistet werden, solange wir selbst mit unseren Kindheitserinnerungen zwischen den Trümmern spielen: Meine früheste Erinnerung ist der Anblick einer brennenden Häuserzeile nach einem Bombenangriff Zwei andere kritische Hinweise scheinen mir aber nötig, die an methodische Probleme rühren. Da beziehen die Autoren bei der Beschreibung der Diskussion über Wiederaufbau oder Neubau, also über der Frage, ob von einer zerstörten Stadt ein historisierendes Bild wiederhergestellt werden oder ob die Stadt neu gebaut werden sollte, persönlich Stellung. Sie sind in dieser Frage nicht neutral. Das ist zwar ihr gutes Recht, nur wird ihre Position nie ausgesprochen, geschweige denn begründet; der Erfolg des Aufbaus der Städte wird an nur einem Maßstab gemessen — dem der Autoren. Und zweitens entsteht in der Art des Schreibens die Frage, ob Begriffe, Theorien, Konzepte, die längst vor 1933 entwickelt wurden, durch Verwendung im Dritten Reich sozusagen kontaminiert wurden. Ein schwieriges Problem, keine Frage: Die Autoren aber belassen es bisweilen bei der Verwendung nach 1933 — ohne die Vorgeschichte. Mir scheint aber nicht die Kontinuität der Konzepte das Problem zu sein — darf man nach 45 keine Nachbarschaftseinheiten entwickeln, weil es vorher die "Ortsgruppe als Siedlungsze lle" gab? —, sondern das der Personen und ihres ungeklärten, unreflektierten Berufsverständnisses. Konstanty Gutschow (der Vater eines der Autoren), der Erfinder jenes Begriffes der cOrtsgruppe, ersetzt nach 45 das Parteiheim durch eine Volksschule, eine Kirche oder Dennoch: als Ganzes gelingt den Autoren der angestrebte (und dringend notwendige!) Überblick über jene Jahre. Man weiß inzwischen, daß es die "Stunde Null" auch in der Architektur nie gegeben hat. Nicht die neue Baukunst einer neuen Gesellschaft stand 1945 an, sondern die Beseitigung von Trümmern, die notdürftige Herrichtung von Wohnraum, die Auseinandersetzung mit den Besatzungsmächten um Baumaterialien und genehmi jungen.

Unverjüngt stieg Phoenix aus den Trümmern

Auf diese Aufgaben hatten sich beide Seiten vorbereitet; auch in Großbritannien wurden schon 1943 Überlegungen zur Versorgung mit Wohnraum in den zerstörten Städten angestellt. In Deutschland begann die systematische Aufbauplanung im selben Jahr, und zwar in dem von Speer organisierten "Arbeitsstab Wiederaufbauplanung zerstörter Städte" und in noch anderen Organisationen, die sich mit dem Thema schon frühzeitig belaßten. Ihre Architekten kamen in regelmäßigen Tagungen zusammen, legten Grundzüge des Aufbaas fest und bereiteten sogar die personelle Besetzung der Planungsbehörden nach dem Kriege vor. Die Zerstörung wurde handhabbar gemacht, durch "fortschreibende Schadenskarten" mit niedlichen Piktogrammen ("bedingt total", "unbedingt total" zerstört). Da wurden die Statistiken zu "Auswirkungen der Luftangriffe" geführt ("Hamburg: Einwohnerschwund = 40 8 Prozent; Verlustverhältnis Gefallene zu Wohnungen = 1:6 4"). Her wurde auch die Diskussion um die Art des Aufbaus geführt, mit städtebaulichen Entwürfen, aber auch mit Überlegungen zum Ausbau von Baracken für "lagermäßige Unterbringung der Bewohner" zu Wohnhäusern. Das alles ging praktisch bis zum Kriegsende.

Und dann ("nach 14 Tagen Urlaub") gingen die Planungen weiter; die Kompetenz der Mitglieder des Arbeitsstabes war weiterhin gefragt. Die meisten von ihnen arbeiteten schon sehr bald in den Phnungsämtern der Städte; man sammelte sich zu neuen Tagungen bei fast gleicher Besetzung und hatte mit dem neuen Staat keine Probleme. Warum auch, war man als "Fachmann" doch unpolitsch. Und Friedrich Tamms, Erbauer zahlreicher, noch heute stehender Flaktürme und "Beauftragter Architekt des Generalbauinspekteurs für die Reichshauptstadt", nachmaliger Stadtbaurat und Beigeordneter von Düsseldorf, Träger des großen Verdienstkreuzes des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, einer der einflußreichsten Stadtplaner der fünfziger und sechziger Jahre, schrieb 1963 bereits wieder über "Moderne Kampfmittel — ziviler Bevölkerungsschutz" und definierte darin die "Normalzeit" als "Zeit eines gemäßigten Kalten Krieges", die "der Vorbereitung auf den Ernstfall" diene — Es war alles ganz normal.

Die Architektur spielte bei all diesen Planungen und Überlegungen eine vergleichsweise geringe Rolle, die Anknüpfung an das Neue Bauen der zwanziger Jahre, das als sozial engagiert und korrumpiert vom Dritten Reich nicht galt, fand nur im Einzelfall statt. Es gab zwar zum Teil heftige Auseinandersetzungen um die neue Architektur, aber sie blieben merkwürdig folgenlos: Eine neue Architektur als "moralische Anstalt" gab es allenfalls in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre: große Glasflächen, hauchdünne Flugdächer, runde, überschlanke Stahlstützen. Aber der Aufbruch blieb isoliert, auf einzelne Architekten beschränkt, neben einem mainstream aus Giebeldach und Kleinkariertheit. Danach dann wurde das Bauen immer mehr zum Ausdruck nur technischer Vorgaben, zum "Vulgärfunktionalismus" der sechziger und siebziger Jahre.

Es gab (und sie kommen in der Darstellung von Durth und Gutschow zu kurz) auch andere — andere Planungen, andere Personen, andere moralische Positionen. Hans Schwippen, der die Pädagogische Akademie in Bonn zum Bundestag umgebaut hatte, stellte schon 1951 die Resignation der Idealisten fest, die sich nach 1945 in die Arbeit des Aufbaus gestürzt hätten; man agiere im luftleeren Raum, zermürbe sich in entsetzlichem Leerlauf, während die Masse der Überlebenden, ohne viel zu fragen, tätig geworden sei. Und in einem Manifest 1947 forderten Künstler und Intellektuelle von Egon Eiermann bis Rudolf Schwarz, von Willi Baumeister bis Walter Dirks, den Neu"heute, nach zwei Jahren, erkennen wir, wie sehr der sichtbare Einsturz nur Ausdruck der geistigen Zerrüttung ist, und könnten in Verzweiflung verharren". Der Wiederaufbau in den alten Formen schien, so Otto Bartning, "seelisch unmöglich" zu sein. Nur, den meisten ging es wie dem englischen Planer, der das Ergebnis des Krieges so kommentierte: "A disaster — but an opportunity!"

Der Fachmann war wieder gefragt, der Macher. Der Zweifler, der mit einer bestimmten Architektur eine bestimmte Aussage verbinden wollte, verharrte, zögerte, was gegenüber den neuen Gewißheiten unangebracht war. So kam es, daß Architekten, die vor 1945 erfolgreich waren, es auch nachher waren, während diejenigen, die sich dem Dritten Reich entzogen hatten, auch nach dessen Ende nur selten große Erfolge erzielten. Die Frage nach dem "Bauen in der Demokratie" wurde zwar gestellt, aber die Antwort ging im wachsenden Bauboom unter.

Aber das wäre denn die objektiv richtige Antwort nach dem Untergang der Städte gewesen: Wiederaufbau auf den alten Grundlagen und in den alten Formen? Also bauliche Restauration, die der gesellschaftlichen Vorschub leistet? Also enge Straßen, dunkle Wohnungen? Also historische Kontinuität als mögliche Identitätsstütze wie in Warschau? Oder Neubau der Städte nach den Maximen von Licht, Luft und Sonne, sichtbarer Neuanfang, sozialer, gesunder Städtebau, autogerecht: "Stunde Null" als Anfang? Das Buch von Durth und Gutschow zeigt, wie viele Fragen unserer Nachkriegsgeschichte noch offen sind.

Planungen zum Wiederaufbau zerstörter Städte im Westen Deutschlands 1940 - 1950; Bd. 1: Konzepte; Bd. 2: Städte; Friedrich Vieweg Verlag, Braunschweig 1988; zusammen 1070 S, 298 - DM