In der Canisius-Apotheke zu Ingolstadt steht eine Mülltonne; Kunden können dort ihre alten Medikamente loswerden. Isolde Kothe, Beraterin beim Bund für Umwelt und Naturschutz, nahm aus dieser Tonne Stichproben und rechnete mit Hilfe von Ärzten und Apothekern hoch, wie viele Pillen Ingolstadt ungeschluckt wieder verlassen: Es sind Monat für Monat Präparate im Wert von 200 000 Mark. „Wir konnten das“, sagt Frau Kothe, „zuerst gar nicht glauben.“

Beim Hamburger Pharma-Großhandel Reichelt sammelt sich jede Woche Medikamenten-Müll für 100 000 Mark. Das Unternehmen läßt die überschüssigen Präparate regelmäßig bei den Apotheken abholen. In vielen Schachteln fehlt nur eine einzige Tablette. Die Medikamente sind oft noch Jahre haltbar. Trotzdem werden sie weggeworfen. Das Unternehmen darf die Präparate, auch wenn sie noch brauchbar scheinen, aus rechtlichen und aus Sicherheitsgründen nicht weiterverwenden.

Die Beispiele stehen für ein großes Problem. Niemand weiß genau, wie viele Medikamente kostspielig hergestellt, aufwendig verpackt, teuer verkauft – und dann einfach weggeschmissen werden. Wütend hat auch Bundesarbeitsminister Norbert Blüm „diese sinnlose Verschwendung“ schon beklagt. Der Schaden wird auf Milliarden Mark geschätzt.

In nächster Zeit werden die Abfallcontainer wahrscheinlich überquellen. Denn noch nie haben die Bundesbürger so viele Medikamente zusammengerafft wie im Dezember des vergangenen Jahres. Vor der Erhöhung der Rezeptgebühr durch die Gesundheitsreform haben viele vorsorgend ihre Hausapotheke noch einmal aufgestockt – mit Medikamenten für den Notfall, und, wenn der nicht eintritt, für den Mülleimer. Allein die 300 nordrhein-westfälischen Betriebskrankenkassen mußten die Hamsterkäufe ihrer 2,3 Millionen Versicherten mit 95 Millionen Mark bezahlen. Das sind etwa 25 Prozent mehr als sonst.

200 Millionen Packungen Arzneimittel verschreiben die bundesdeutschen Ärzte jedes Jahr. Jeder vierte Patient gab bei einer Untersuchung des Emnid-Instituts zu, seine Medizin nicht wie vorgeschrieben einzunehmen. „Ich hatte plötzlich keine Schmerzen mehr und habe die Arznei deshalb gar nicht erst genommen“, sagt der eine, vor Nebenwirkungen fürchtet sich der andere. Manche gesundeten vorzeitig, einige vergaßen die Tabletten einfach, Dritte vertrugen die Wirkstoffe nicht. Trotz alledem werden Zäpfchen und Tropfen und Dragees nach Hause geschleppt und dort gehortet, bis man schließlich den Zeitpunkt für gekommen hält, sie dem Abfall zu überantworten.

In Krankenhäusern dagegen hält sich die Verschwendung in Grenzen. Aus gutem Grund: Die Krankenhäuser müssen ihren Bedarf an Medikamenten mit einer Pauschale der Krankenkasse finanzieren. Sparsamkeit gereicht ihnen zum Vorteil. Zweimal im Jahr zumeist wird der Bestand der Krankenhaus-Apotheke kontrolliert; einmal pro Woche wird auf den Stationen eingesammelt, was nicht mehr benötigt wird oder demnächst verfällt. „So können wir die Präparate dahin bringen, wo sie sofort gebraucht werden“, sagt Hans-Joachim Bodenbach, Leiter der Krankenhaus-Apotheke im Marienkrankenhaus in Hamburg. Um zu verhindern, daß Patienten sich mit Medikamenten eindecken, wenn sie das Krankenhaus verlassen, hat man in einer Chirurgischen Klinik in München eine besondere Methode ersonnen: Alle Packungen, die aus der Lagerapotheke herausgehen, müssen auch wieder zurückkommen – ob leer oder voll.

Was geschieht mit den Altmedikamenten? Jede Apotheke ist verpflichtet, sie den Kunden abzunehmen, aber nicht jede ist auch dazu bereit. „Einige Leute sind erstaunt, daß wir ihre Tabletten und Salben annehmen, offensichtlich ist das nicht in allen Apotheken selbstverständlich“, sagt Gudrun Likus von der Fleming-Apotheke in Hamburg.