Der Widerstand gegen die Technikpläne des Postministers wächst

Von Gunhild Lütge

Ort und Zeit waren gut gewählt. Der Bundeskanzler erschien auf der diesjährigen großen Computerschau Cebit höchstpersönlich, um der Ankündigung seines Postministers das nötige Gewicht zu verleihen. Helmut Kohl und Christian Schwarz-Schilling gaben den Startschuß für eine neue Technik, die sie als neues Nervensystem für die gesamte Volkswirtschaft präsentierten. Die anwesenden Industrievertreter waren begeistert.

Viel leiser und bescheidener, aber nicht weniger spektakulär, verkündeten vier Tage später die Sprecher eines noch ganz jungen Vereins einigen Journalisten ihre Pläne. Auch sie nutzten den Schauplatz Cebit, um die tags zuvor vollzogene Gründung ihres Instituts für Informations- und Kommunikationsökologie, kurz IKÖ genannt, zu verkünden. Es will künftig die Auswirkungen der zunehmend technisierten Welt auf den Menschen untersuchen. Das erste Prüfungsobjekt steht auch schon fest: Es ist die neueste Technik des Postministers.

Das IKÖ möchte mehr Aufklärung schaffen. Denn was für die Industrie auf der Messe das herausragende Thema war, ist für normale Postkunden noch unbegreiflich: ISDN lautet das Kürzel für eine neue Technologie, an der die Zukunft der gesamten deutschen Wirtschaft hängt, darf man den Experten glauben. Dahinter verbirgt sich die Modernisierung des herkömmlichen Fernmeldenetzes zu einem universellen Computernetz (siehe Kasten). Was der Fernmeldechef Schwarz-Schilling vorhat, käme der Idee des Verkehrsministers gleich, alle Landstraßen zu achtspurigen Autobahnen auszubauen. Die Folgen wären in diesem Fall für jedermann offensichtlich. Beim ISDN ist das jedoch nicht so.

Rund vierzig Milliarden Mark will die Post allein bis Mitte der neunziger Jahre für die neue Technik ausgeben. Diese Investition schafft einen Markt, dessen Volumen auf mehr als das Zehnfache geschätzt wird. Kein Wunder, daß angesichts solcher Perspektiven übersehen oder verdrängt wird, daß sich massiver Widerstand regt.

Im IKÖ haben sich Vertreter aus Wissenschaft und Gewerkschaften zusammengefunden, die ein Gegengewicht zu dem bilden wollen, was in Hannover auf der Cebit nun eine Woche lang wieder konzentriert zu beobachten war: Gehetzt vom internationalen Wettbewerb, überschlägt sich die Industrie mit der Ankündigung neuer elektronischer Lösungen, für die die Probleme oft erst noch gesucht werden müssen. In dem rauhen Konkurrenz-Klima der Branche wird jeder schnell zum Störenfried, der Skepsis anzumelden hat. Diese leidvolle Erfahrung haben schon viele IKÖ-Mitglieder gemacht: "Wer nichts von der Technik versteht, darf auch nicht über die Folgen reden. Wer nichts von den Folgen versteht, darf aber durchaus Technik gestalten", kritisiert Herbert Kubicek, einer der Sprecher des IKÖ-Vorstandes und hauptberuflich Professor für Informatik an der Universität Bremen.