Von Andreas Isenschmid

Hermann Burger hatte nur ein Thema: Hermann Burger. Der Manisch-Depressive war sich selber Stoff genug. Seine Werke sind "Urkunden der äußersten Verzweiflung". Schreiben war ihm "eine lebensrettende oder -verlangernde Langzeitmaßnahme als Reaktion auf eine höchste Notsituation", wie er in seiner "Frankfurter Poetik-Vorlesung" sagte.

"Brenner", sein jüngster und nun letzter Roman, hat Burgers Leben nicht mehr retten können. In der Nacht vor "Brenners" Erscheinen hat Burger sich das Leben genommen und den Roman so zu seinem Vermächtnis gemacht. "Was, wenn die Kunst mich verrät?" hatte er 1979 seinen bankrotten Helden Diabelli fragen lassen. Ist Hermann Burger von seiner Kunst verraten worden?

"Brenner" legt diese Frage nahe. Denn der Roman ist Hermann Burgers Versuch, durch einen radikalen künstlerischen Kurswechsel seine lebensrettende Kunst zurückzugewinnen. Er dokumentiert Burgers Absicht, sich vom repetitiv stagnierenden Stil der Bücher davor ("Der Schuß auf die Kanzel", "Tractatus logico-suicidalis", beide 1988) zu distanzieren. "Ich wäre enttäuscht, wenn Sie in ‚Brenner‘ nicht einen vollkommen anderen Burger erkennen wurden", hat Burger in einem seiner letzten Gespräche gesagt. Und seinen letzten Helden Hermann Brenner läßt er diese Burgersche Selbstdistanzierung durch einen Scherz verbreiten: Als Brenner im Spätsommer 1982 einige Tage im bergellischen Soglio verbringt, macht ihn "ein Hotelgast auf die Erzählung eines skurrilen Schweizers namens Gruber aufmerksam, die in Soglio spielt". Brenner versucht, sie zu lesen, doch er kommt mit dieser "unsäglichen Prosa" nicht zurecht: "Es wimmelt von Fremdwörtern, in puncto Satzbau das Abstruseste, was mir je untergekommen ist, ich hatte recht mit meiner Maxime, mir nicht die Augen mit Gegenwartsliteratur zu verderben."

Natürlich ist der skurrile Gruber nur ein Anagramm für Burger selber. Und die Erzählung, von der Brenner sich da abwendet, ist keine andere als Hermann Burgers eigene Erzählung "Zentgraf im Gebirg oder das Erdbeben zu Soglio" aus dem Band "Diabelli".

Burgers Scherz über Burger ist ernst gemeint. "Brenner" ist in der Tat die radikale Gegenposition zum Erzahlprogramm von "Diabelli". Der Zauberer Diabelli steht "vor dem Bankrott" seines "Innersten", er hat "illudiert und illudiert und dabei" sein "Selbst verjuxt": nun ist er als "Großillusionist restlos vernichtet". "Brenner" ist Burgers Versuch, Diabellis Schicksal zu entgehen: der Autor, der sich bisher immer in großillusionistischen Erfindungswelten von exzentrischem Aberwitz gesucht hatte, kehrt zu sich selbst zurück – oder versucht es: "Brenner" ist Burgers Suche nach dem verlorenen Selbst.

Diese autobiographische Einkehr hat Burger seinem Helden auf die Stirn geschrieben: Hermann Brenner trägt die Initialen H.B. wie Burger selber. Wie Hermann Burger es war, ist er Cigarrenliebhaber und Schriftsteller, und so wie sein Autor es tat, bewohnt er das Pächterhaus eines aargauischen Schlosses – Brunsleben heißt es im Roman, Brunegg in Wirklichkeit. Brenners Freundeskreis besteht aus freien literarischen Variationen auf reale Bekannte Burgers: Jean-Rudolf von Salis, Schloßherr auf Brunegg, taucht als Jérôme von Castelmur-Bondo auf (und Auszüge aus von Salis’ "Notizen eines Müßiggängers" finden sich wörtlich in Brenners Gesprächen mit Jérôme), den Literaturkritiker und Segelnarren Anton Krättli finden wir in Adam Nautilus Rauch und den Komponisten und Proust-Kenner Peter Mieg als Edmond de Mog.