Von Shahram Chubin

GENF. – Die Affäre um das Buch von Salman Rushdie bestätigt wieder einmal all die Erfahrungen, die der Westen bisher mit dem revolutionären Iran gemacht hat. Ein Zwischenfall eskaliert zu einer internationalen Krise, weil Teheran die Affäre zu einer „Verschwörung gegen den Iran“ aufbauscht und weil der Westen inzwischen gelernt hat, mit Terroristen und Geiselnehmern keine Kompromisse mehr zu schließen. Der Rushdie-Streit geht gerade nicht darum, wieweit Meinungsfreiheit und Achtung vor der Religion miteinander vereinbar sind. Vielmehr ist die ganze Sache vor allem eine vom Ajatollah Chomeini in ganz bestimmter Absicht zusammengebraute Krise.

Innenpolitische Erwägungen stehen dabei ganz oben an. Für die iranischen Revolutionäre, die uneins sind, wie eine islamische Republik aussehen soll, war schon der achtjährige Krieg mit dem Irak weniger eine Belastung als ein einigender Faktor. Seit dem Waffenstillstand vom August 1988 ist nun in der zerstrittenen Führung jede einzelne politische Maßnahme bitter umkämpft. Das gilt vor allem für die Außenbeziehungen. Sie sind gleichermaßen kontrovers und symbolisch; sie beschwören Assoziationen herauf von kultureller Vergiftung, Verbrauchermentalität, Abhängigkeit, Kompromiß und der Verwässerung islamischer Prinzipien.

Schon vor Jahren erklärte Chomeini, er fürchte amerikanische Universitäten mehr als die militärische Macht der Vereinigten Staaten. Am 24. Februar behauptete der einflußreiche Parlamentspräsident Rafsandschani, der Westen sorge sich um „seine kulturelle Präsenz“ in den Ländern des Islam. Mancher mag sich fragen, ob der Satz nicht vielmehr umgekehrt gilt: Das wäre dann eine Erklärung dafür, warum Chomeini plötzlich in die innenpolitischen Querelen in Teheran eingegriffen hat. Er wollte den mit dem Wiederaufbau des Landes einhergehenden Trend zu wachsenden Kontakten mit dem Westen blockieren.

Die Probleme, die sich zwischen dem Iran und dem Westen stellen, sind dennoch keineswegs unlösbar. Trotz iranischer Vieldeutigkeiten gibt es keinen Grund, für die Zeit nach Chomeini vernünftige Beziehungen auszuschließen. Aber selbst wenn man die gegenwärtige Krise für den letzten und am Ende erfolglosen Versuch des Ajatollah hält, die Revolution ausschließlich auf seine Vorstellungen zu verpflichten, besteht Anlaß zur Vorsicht.

In der politischen Kultur des Iran sind aggressive Grundsatzpositionen strukturbedingt und daher notwendig. Sie sind ein Test für den reinen Glauben, was auch immer der Preis sein mag. Die zerstrittene Führungsgruppe wird sich in ihrem Machtkampf unweigerlich darauf einstellen. Und so wird die Politik des Iran gegenüber dem Westen notwendigerweise von Zickzack-Bewegungen, von Rückfällen und von Zweispurigkeit gekennzeichnet sein – bis entweder der Konsens wiederhergestellt – ist oder aber ein neuer „starker Mann“ die politische Bühne betritt.

Wie sollte sich der Westen bis dahin verhalten? Das Existenzrecht des Iran und das Recht seiner Bürger auf Selbstbestimmung steht nicht in Frage. Aber der Westen kann nicht einfach darüber hinwegsehen, wenn der Iran durch Terrorismus die internationale Ordnung gefährdet und die Menschenrechte mit Füßen tritt.