Die Sowjetbürger müssen erfahren, daß Veränderung Gewinn bringt

Von Christian Schmidt-Häuer

Wie kann die sowjetische Führung den dramatischen Niedergang der Wirtschaft aufhalten? Wie soll sie sich von den Fesseln des Systems lösen, die klar erkennbar verhindern, daß Gorbatschows Reformspritzen den ökonomischen Kreislauf zu besserer Zirkulation anregen? Kann der größte Staat der Erde, der letzte Koloß aus der Zeit der multinationalen Reichsbildungen, soviel Selbstbescheidung und Selbstbewußtsein aufbringen, um sich im Stande eines Entwicklungslandes gesundzuschrumpfen?

Die Sowjetunion baut den Sockel der Weltmacht ab. Sie reduziert Raumfahrt und Rüstung. Akademiemitglied Oleg Bogomolow: "Wir müssen nicht unbedingt die ersten auf dem Mars sein, wenn sich in den Geschäften schon die Mäuse ‚gute Nacht‘ sagen." 345 Militärbetriebe und 300 Konstruktionsbüros streichen die Waffen und folgen "dem Befehl, die Geschäfte mit Konsumgütern aufzurüsten" (Moskowskaja Prawda). Nicht weit vom Moskauer Dynamo-Fußballstadion werden in einer Fertigungshalle neben fünf gerade montierten MiG-29-Rümpfen jetzt Tüten geklebt; neue Maschinen produzieren Verpackungen für Milch und Zucker. Noch in diesem Jahr sollen die umgerüsteten Fabriken Gebrauchswaren im Umfang von 4,5 Milliarden Rubel liefern. Politisch ist das, wenn auch aus der Not geboren, eine Großtat. Ökonomisch bedeutet es zunächst nur die Umstellung der Prioritäten, nicht des Denkens. Die bisherigen Rüstungsfabriken werden ihre neuen Pläne nicht ohne alte Methoden erfüllen: mit hohen Preisen und niedriger Qualität. Das sind die Markenzeichen der Konsumgüter, die viele Militärbetriebe schon seit Jahren nebenher produzieren. Fast alle Fernseher, 95 Prozent der Kühlschränke, 69 Prozent der Staubsauger und 62 Prozent aller Waschmaschinen kommen bereits aus den Waffenschmieden.

"Das bedeutet also", so der Wirtschaftspublizist Felix Gorjunow in Nowoje wremja, "daß ein großer Teil der Langzeit-Gebrauchsgüter, die in den meisten kapitalistischen Ländern die Rolle von ‚Marktmotoren‘ spielen, in unserer Volkswirtschaft nur Nebenprodukte der Rüstungsindustrie sind." Sein – vor kurzem noch undenkbares – Eingeständnis: "Die rein militärische Denkweise in Fragen der nationalen Sicherheit hat dazu geführt, daß unser Staat – unter Beibehaltung des militärischen Kräftegleichgewichts – wirtschaftlich zu einem drittklassigen Land herabsank."

Er wird so schnell nicht wieder emporsteigen. Nach der Stagnation und der späteren Talfahrt der Breschnjew-Zeit ist jetzt die Stagflation nicht mehr aufzuhalten. Zu Beginn des nächsten Jahrtausends wird die Sowjetunion eine Art europäisches Mexiko sein, mit höherer Bonität und besseren Aufstiegschancen – letztes freilich nur, wenn Gorbatschow in den nächsten Jahren Teilstücke des Systems verändern kann.

Alle reden vom Markt