Von Jürgen Krönig

London, im März

Die Schatten unter seinen Augen waren zuletzt immer tiefer geworden; wann immer er Mikrophone oder Kameras in der Nähe wußte, schweifte sein Blick unruhig umher, als wolle er ihnen entkommen. Wenn Paul Channon Klärendes zum Thema "Lockerbie" vernehmen ließ, so wirkte dies mehr und mehr wie der Versuch, den Prozeß der Selbstdemontage zu beschleunigen. Der Verkehrsminister im Kabinett von Margaret Thatcher weiß, daß sein politisches Schicksal besiegelt ist. Schon seit geraumer Zeit bespöttelten Freund und Gegner ihn als "unseren Verkehrsunglücksminister". Schließlich mußte Paul Channon immer dann Rede und Antwort stehen, wenn, wie zuletzt binnen weniger Wochen dreimal geschehen, Eisenbahnen ineinander rasten, es in der Londoner U-Bahn brannte oder ein Boeing-Jet auf der Autobahn aufschlug.

Als Margaret Thatcher ihn bei einer Kabinettsumbildung vor anderthalb Jahren vom politisch wichtigeren Handels- und Industrieministerium ins Verkehrsressort versetzte, konnte sie nicht ahnen, daß sie Paul Channon damit wieder eine Schlüsselposition übertrug. Bereits damals wurde gemunkelt, der farb- und glücklose Channon habe nur deshalb einen Posten im Kabinett behalten, weil er der einflußreichen anglo-irischen Bier- und Bankendynastie der Guiness’ angehört. Dem Verkehrsminister mangelt es nämlich an der Fähigkeit zu gefälliger Selbstdarstellung und Präsentation, auf die Margaret Thatcher bei ihren Ministern so viel Wert legt, die unverzichtbar ist, wenn es gilt, Defizite und Fehler zu bemänteln. Paul Channon ist zu einer gefährlichen Belastung geworden ausgerechnet zu einer Zeit, in der der Regierung der Wind ins Gesicht bläst,

Die Katastrophe von Lockerbie hat die britische Nation erregt wie kein anderes vergleichbares Ereignis. Um so schlimmer, daß jetzt immer deutlicher wird, wie schlampig und inkompetent im Verkehrsministerium gearbeitet wurde. Die Kritik entzündet sich an zwei miteinander verbundenen Fragen: Konnte der Terroranschlag vom 21. Dezember vergangenen Jahres verhindert und das Leben von 270 Menschen gerettet werden? Und hat der Verkehrsminister vor dem Parlament die Unwahrheit gesagt?

Die Opposition jedenfalls ist davon überzeugt, daß beide Fragen bejaht werden müssen und fordert den Rücktritt des Ministers: "Die Regierung wußte um den Zeitraum, die Route, die bedrohte Fluglinie und den Bombentyp des geplanten Anschlages", erregte sich Labours Schattenverkehrsminister John Prescott. "Wenn es eine Chance gab, einen Terrorakt zu verhindern, dann wäre das in London im Dezember gewesen."

Bis vor kurzem hatte Paul Channon in Interviews und vor dem Unterhaus darauf beharrt, es habe vor dem Anschlag keine ernstzunehmende Warnung gegeben. Binnen weniger Tage brach diese Verteidigung zusammen, nicht zuletzt auch deshalb, weil deutsche Stellen nur zu gerne bereit waren, den Briten eins auszuwischen, die immer wieder voreilig behauptet hatten, die Bombe sei in Frankfurt an Bord geschmuggelt worden.