Trotz der alarmierenden Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) über die Zunahme der Aids-Infizierten in Bangkok oder Nairobi verzichten Reiseveranstalter auf die Aufklärung ihrer Kunden.

Reiseveranstalter, die Thailand oder Kenia in ihrem Programm haben, können es sich offenbar nur schwer vorstellen, daß einige ihrer Gäste auch den Besuch von Massagesalons oder ähnlichen Etablissements ins Auge fassen. Jacko Hassenmeier von der TUI meint beispielsweise: „Unsere Gäste sind Erholungssuchende. Sie reisen zur Bildung oder zum Baden. In Thailand besichtigen sie Tempel, in Kenia sind es Tiere. Für Sex-Tourismus besteht kein Interesse.“ Im übrigen seien die Berichte über die „Aids-Gefahr“ gar nicht zuverlässig. Es werde wahnsinnig übertrieben, so Hassenmeier, besonders bei Mitteilungen über die Verbreitung des Aids-Virus in Nairobi. „Die jungen Leute, die mit uns reisen, sind so sauber und adrett, die finden Sie nicht in den Bars in Pattaya oder im Pat Pong Bezirk in Bangkok.“

Diese Vorstellung einer heilen Welt prägt offenbar auch das Handeln bei anderen Reiseveranstaltern. Fernreisegäste aufzuklaren, wird „als peinlich“ empfunden, „dies kann nicht unsere Angelegenheit sein“, befindet beispielsweise ein Mitarbeiter im Hause Neckermann.

Dabei bieten die jüngsten Zahlen des staatlichen Zentrums für Prävention und Kontrolle von Aids in Bangkok allen Grund zur Nachdenklichkeit. Danach hat in der thailändischen Metropole innerhalb nur eines Jahres die Zahl der HIV-Infektionen um das zwanzigfache zugenommen. 1987 gab es erst 174 HIV-positive Thais. Bis zum 31. Dezember 1988 wurden schon 2914 registriert. Es waren fast ausschließlich Männer und diese überwiegend drogenabhängig und heterosexuell. In der Bundesrepublik ist der Anteil der Drogenabhängigen und der Heterosexuellen viel geringer und damit auch das Ausbreitungsrisiko der Seuche kleiner.

Nicht so in Bangkok. Die hohe Zahl der HIV-positiven heterosexuellen Thais (etwa 24 000) wird das Infektionsrisiko in der Bordellszene gewaltig verstärken. Denn die meisten Thai-Mädchen haben ihre Beschützer, und dies sind gerade jene, bei denen sie sich dann anstecken. Hier beginnt die Ausbreitung der tödlichen Infektion. Ein Schutz ist in Bangkok schwierig, denn die Qualität von Kondomen ist nicht überall gewährleistet.

Die Gesundheitsbehörden in Bangkok geben sich die größte Mühe, die Ausbreitung der Infektion zu begrenzen. Denn diese berührt auch die Einnahmen aus den Devisen mit dem Fremdenverkehr. Aufklärung und Beratung werden verstärkt. An Ort und Stelle, in der Gegend der Pat Pong Street, werden HIV-Tests vorgenommen, und es wird amtlicherseits über Risiken aufgeklärt. Das scheint auch nötig zu sein, denn nur sechs Prozent der Besucher von Prostituierten benutzen Kondome, und über das spezielle Risiko für Homosexuelle wissen in Bangkok die wenigsten Bescheid.

Die deutschen Touristen könnten die notwendigen Informationen schon auf der Flugreise nach Nairobi oder nach Bangkok lesen, wenn die Urlaubsveranstalter tatsächlich Aufklärungsarbeit leisten würden. Vielleicht wären Reisende vorsichtiger, wenn sie wüßten, daß bereits 85 Prozent aller Prostituierten in Nairobi HIV-positiv sind. Die Anzahl Aidskranker ist in Kenia so hoch wie in der Bundesrepublik.