V erzweifelt suchten die Freunde nach dem Tagebuch des Kapitäns; unter keinen Umständen durfte es seinen Häschern in die Hände fallen. Als die Schergen ins Haus kamen, war Kapitän Ehrhardt, Hitlers einstiger PutschKomplize, bereits entkommen; aber sie wurden dennoch fündig: Das vermißte Tagebuch lag als Stütze unter einem Tischbein. So leichtfertig wie in jenem Mordsommer 1934 waren die Verschwörer aus dem Widerstand gegen Hitler in den späteren Jahren zumeist nicht mehr.

Tagebuchschreiben konnte lebensgefährlich sein, für den Autor wie für seine Freunde. Freya von Moltke verwahrte die konspirativen Briefe ihres Mannes in Bienenkörben. Ulrich von Hassells Tagebücher — geschrieben in Schulheften, Wachstuchkladden oder auf Notizblocks — lagen mehrere Monate im Garten vergraben. Ein Glücksfall für die Zeitgeschichtsforschung — wie hätten wir jemals soviel erfahren über die Spannungen und Rivalitäten zwischen den Verschwörern, über ihre Pläne und Gedankenspiele, ihre moralischen Beweggründe, ihre Illusionen und Hoffnungen, ihre Zweifel und Alpträume, wenn nicht Hasseil und — nach seiner Hinrichtung — seine Frau hohe Risiken auf sich genommen hätten, diese Zeugnisse "vom andren Deutschland" der Nachwelt zu erhalten. Jetzt liegen sie in einer wissenschaftlich überprüften, stark ergänzten Neuausgabe vor, die wir bereits kurz vorgestellt haben ("Buch im Gespräch", ZEIT Nr. 4 vom 20 1 1989).

Leider hat der Herausgeber darauf verzichtet, die Abweichungen von der 1946 in der Schweiz gedruckten ersten Ausgabe nachzuweisen. Der Leser selber muß sich, so er die Zeit hat, der Mühe des Textvergleichs unterziehen. Dabei stellt sich bald heraus, daß uns die Witwe und ihr Schweizer Verleger ein retuschiertes Bild vorgesetzt haben. Nun, da die Retuschen fort sind, tritt ein Mensch mit seinem Widerspruch hervor, der auch irren, träumen, bangen, zuweilen schwach sein darf. Was machts? Ulrich von Hassell — er sollte ursprünglich nach dem Umsturz in der neuen Regierung Reichsaußenminister werden — ist eine der eindrucksvollsten Erscheinungen des Widerstands. Unter den Verschwörern ragte er heraus durch Klarsicht, analytische Schärfe, Urteilskraft und politischen Instinkt.

Man kann es aus der Situatiqn des Jahres 1946 heraus verstehen, daß Frau von Hassell jegliche Mißdeutung vermeiden wollte, die ihren Mann auch nur entfernt in die Nähe des von ihm verabscheuten Naziregimes hätte bringen können. Aber diese Nähe bestand bis in die letzten Tage. Hassell galt nicht nur den Verschwörern als der beste Mann, der noch einen vernünftigen Frieden mit den Westmächten hätte aushandeln können, sondern zuletzt auch Hitler und der SS.

Bisher wußte man schon, daß Hassell Ende August 1939 auf Bitten des Staatssekretärs von Weizsäcker den britischen Botschafter Henderson aufgesucht hat, um im letzten Moment noch den Krieg mit Polen zu verhindern. Nun erfahren wir aber auch, was seine Frau 1946 unterschlagen hat: Hassell, nach seiner Abberufung vom Botschafterposten in Rom "zur Disposition" gestellt, übernahm bei Kriegsbeginn eine Sondermission: Er mußte in den Hauptstädten des neutralen Skandinaviens, wo überall antifaschistisch eingestellte Regierungen amtierten, um gut Wetter für Deutschland bitten, damit die- Wirtschaftsbeziehungen nicht litten. Zwar noch voüer Groll über die "Absägung" in Rom — später hat sogar Hitler eingesehen, daß Hassell mit seiner Ansicht recht hatte, Italien nicht als Bündnispartner zu erwählen —, nahm er diesen Auftrag "im Sinne einer Mobilmachungsordre" an. Objektiv betrachtet, hat er in einem Moment, als deutsche Panzer und Stukas Polen zerschlugen, dem verbrecherischen Unternehmen diplomatischen Flankenschutz gegeben, mit durchaus zwiespältigen Gefühlen.

In solchem Zwiespalt lebten alle Männer des 20. Juli 1944: Als Soldaten führten sie den Krieg nach allen Regeln der Kunst; als Beamte hielten sie die Staatsmaschine am Laufen; als Ruheständler bezogen sie von dem Unrechtsstaat ihre Pensionen und ließen sich ehren. Präsident Freisler vom Volksgerichtshof brüllte nicht ohne Tücke den Angeklagten von Hassell an: "Haben Sie dem Führer den Eid geschworen?" Aber die Widerständler fühlten eine höhere Verpflichtung: die Verantwortung für das Vaterland. Seinetwillen sollte der Diktator gestürzt werden, ehe das Reich von ihm in den Untergang mitgerissen wurde Als Botschafter in Rom — einer der angesehensten Posten, die das Auswärtige Amt zu vergeben hatte — hatte Hassell große diplomatische Erfahrung gesammelt; er genoß noch während des Krieges in Italien und den Balkanstaaten mehr Achtung als die residierenden deutschen Missionschefs. Bei seinen Auslandsreisen, die er im Auftrage von Wirtschaftsinstituten unternahm, wurde er überall wie ein eider statesman behandelt. Obwohl in offiziöser Stellung, war er sich doch jederzeit sicher, daß man ihn im Ausland, vor allem im Westen, nicht mit dem Verbrecherregime identifizieren würde. Hassell, verheiratet mit einer Tochter des Großadmirals und Weltmachtstrategen Alfred von Tirpitz, kam aus einem deutschnationalen Umfeld. Als sich die Nazis im Laufe des Jahres 1933 ihres deutschnationalen Koalitionspartners entledigt hatten, trat auch der Diplomat von Hasseü in die NSDAP ein. Doch für Goebbels war er nie "ein richtiger Nazi". Die alten Eliten des Kaiserreichs — Militärs, Beamtenschaft, Wirtschaftsführer — waren der Illusion erlegen, sie könnten die hitlersche Massenbewegung benutzen, um die demokratisch sozialistische Revolution vom November 1918 rückgängig zu machen und den Versailler Friedensvertrag von 1919 zu revidieren, auf daß Deutschland seine Hegemonialstellung in Europa wiedergewönne (mit der stillen Hoffnung, es könne Weltmacht werden) und die alte Ordnung, etwas "sozial" modifiziert, weiterbestünde. Zu spät merkten sie, selber von Hitler und Konsorten ausgenutzt worden zu sein. Süffisant registriert Hassell, wie im Kriege Industriekapitäne ihr Parteiabzeichen ablegen — man wüßte gern, bei welchen Gelegenheiten er selber seins getragen hat. Ob Hassell ein "Nazi" war, hängt vom Standpunkt des Betrachters ab. Der Nürnberger Ankläger Jackson, ein liberaler Amerikaner, hätte den Konservativen von Hassell gewiß mit den Nazis über einen Kamm geschoren; die Sozialdemokraten im Widerstand begegneten Männern wie ihm mit großer Skepsis. Dieser wiederum nahm sich die Freiheit, Menschen, die keiner Parteiorganisation angehörten, dennoch als ISOprozentig einzustufen, anderseits einen Nazi Funktionär zu loben, weil er ein "Kerl" sei. Es brauchte nicht vieler Worte, um zu wissen, wo einer wirklich stand. Was zum Schluß Sozialisten, Liberale, Konservative, Soldaten, Nazis, ja sogar SS Männer im Widerstand einte, war der innere Anstand.

Darum hatte Hassell nur sarkastische Verachtung für die Maulhelden, die hinter vier Wänden den Widerständler hervorkehrten, aber versagten, sobald sie zur Rettung des Vaterlandes oder auch um der eigenen Ehre willen hätten handeln oder nein sagen müssen. Vielleicht fürchtete Ilse von Hassell, ihr Mann könnte von den deutschen Lesern und den alliierten Zensoren mit solchen Leuten verwechselt, für einen Mitläufer und Nutznießer des Regimes gehalten werden, wenn sie die Tagebücher vollständig und unverändert drucken ließe.