James Ussher, Erzbischof aus Armagh in Irland, und seine Mitrechner lagen 1654 mit ihren Bibelinterpretationen eindeutig falsch: Am 26. Oktober 4004 v Chr um neun Uhr morgens ist die Welt nicht erschaffen worden. Selbst das heute geschätzte Erdalter von 4 5 Milliarden Jahren reicht den Geologen kaum aus, um die zyklische Entwicklung unseres Planeten vollständig zu erklaren: "Zu wenig Eiszeiten, zu wenig Superkontinente und Katastrophen des Lebens", klagt der niederländische Geologe Tjeerd H van Andel. Zwar wissen wir heute aufgrund von Datierungen mit Hilfe radioaktiver Zerfallsdaten oder dank dem revolutionierenden Konzept der Plattentektonik mehr als je zuvor über die Entwicklung der Erde — aber die Geologie hat in den vergangenen zwanzig Jahren mehr neue Fragen aufgeworfen, als alte beantwortet.

Die Fülle der neuen Ansichten und Fragen zur Erdgeschichte, die Entwicklung der Kontinente, der Atmosphäre und der Ozeane in Verbindung mit der Evolution des Lebens verständlich darzustellen, hat sich van Andel vorgenommen. Als Lehrbuch für Anfänger hat der — an der renommierten Cambridge University lehrende Geologe — sein Buch konzipiert. Dennoch ist es keine trockene Lektüre. So finden sich an den Kapitelanfängen geistreiche Zitate von T S. Eliot, es setzt deutliche Kritik an den Wissenschaftskollegen, und unkonventionell ist auch die "Reiseroute" des Buches, wie der Leser von der Gegenwart langsam in immer unerschlossenere Epochen zurück zum Ursprung geführt wird. Dabei gilt besonders den sich wandelnden Ozeanen die Aufmerksamkeit des Holländers. Er war einer der ersten Wissenschaftler, die mit Tiefseebooten die Weltmeere untersuchten.

Wie trügerisch das Bild von den unerschütterlich und unerschöpflich wirkenden Meeren ist, zeigt zum Beispiel auf dramatische Weise die "Salzkrise" des Mittelmeers am Ende des Miozäns. Als dieses flache Meer vor etwa 10 Millionen Jahren geologisch von den Ozeanen isoliert wurde, hinterließ es bald nurmehr eine dicke Salzkruste: es trocknete aus. Um sechs Prozent verringerte sich damals der Salzgehalt der Weltmeere. Nur geringfügig erhöhte sich dadurch der Gefrierpunkt des Wassers — aber möglicherweise mit einschneidenden Folgen für das Klima, und, wie einige Wissenschaftler vermuten, auch für die Evolution. Die sinkenden Temperaturen könnten Primaten aus den Wäldern in die Savanne gelockt haben, wo sie ihren Siegeszug zum homo sapiens antraten.

Tjeerd van Andel geht auch auf die Gefahren einer durch den Treibhauseffekt übermäßig aufgeheizten Atmosphäre in einem knappen Absatz ein. Er hält es für "unwahrscheinlich, daß die klimatischen Verhältnisse sich verbessern". Dennoch zweifelt er auch nicht an einer neuen Eiszeit und schildert überzeugend diese Gefahr: schließlich hat es über Millionen von Jahren immer wieder zyklische Kälteeinbrüche gegeben; der letzte fand vor gerade 10 000 Jahren sein Ende. Die nächste Eiszeit ist demnach ziemlich sicher, nur den genauen Zeitpunkt kann kein Geologe vorhersagen. Der Autor kennt die Grenzen der Interpretation vergangener Klimata: "Da werden freizügig Theorien über Klima und Umwelt beigefügt, und das Ganze wird mit Mut und schöpferischer Phantasie gewürzt", warnt er.

Auch die Theorie der Plattentektonik ist mit Vorsicht zu genießen. Zwar bestätigen viele Daten die Kontinentalverschiebung. Doch das zunächst so erfrischend einfache Modell hat mittlerweile erheblich an Klarheit verloren. So lassen sich Berge nicht einfach wie die aufgewölbte Knautschzone einer Fahrzeugkarosserie erklären. Die gesamte Theorie muß viel komplexer gefaßt werden, und allmählich entsteht ein geologisches Weltbild, das nur auf einigen Grundannahmen aufbaut, in dem jede Formation indes ihre eigene Geschichte hat.

Überraschend sind manche Rückwirkungen der Evolution auf die Umweltbedingungen. So sorgte im Känozoikum die erfolgreichste Erfindung des Zeitalters, das Gras, durch seine Wärmerückstrahtung aus ehemals wüsten Gegenden wahrscheinlich für eine leichte Abkühlung der Erde. Doch bei seiner Suche nach Umweltfaktoren als Erklärungshilfe für so komplexe Phänomene wie die Vielfalt der Arten oder die großen "Extinktionen" (etwa das Aussterben der Saurier) warnt van Andel immer wieder, daß "eine einfache und elegante Logik allein auch nicht immer ausreichend ist". Er mag in der Diskussion um die Bedeutung der Krisen und Katastrophen für die Erdgeschichte und die Evolution weder der "unerträglich langweiligen" Vorstellung Charles Lyells folgen, dessen Skepsis gegenüber dem Katastrophismus so weit ging, daß er nicht einmal die Eiszeiten akzeptierte, noch jenen, die auf dramatische und exotische Ereignisse zurückgreifen, da sie sich ein so "romantisches Ereignis" wie das Verschwinden der Saurier nicht anders erklären möchten. Die Öffentlichkeit wolle eben vergiftete Kometenschweife, Supernovae oder Meteoriteneinschläge und tue sich schwer, einfache und graduelle Ursachen wie ein kühleres Klima, einen schwankenden Meeresspiegel oder eine veränderte Vegetation als triviale Erklärung hinzunehmen. Dabei sei noch nicht einmal geklärt, was eigentlich der "Normalzustand" ist, die Wärme der Kreidezeit oder die eiszeitliche Kälte.

Viel Stoff zum "vorsichtigen" Nachdenken gebe es, "bis wir viel mehr wissen". Etwas ratlos mag da mancher Leser zurückbleiben. Dennoch wird van Andel seinem Anspruch voll gerecht, eine Einführung für Anfänger zu bieten. Denn die, Geologie hat mehr intelligente Fragen zu bieten als eindeutige Antworten.