Von Sabine Neumann

In China habe ich mehrere Monate zugebracht. Doch ich erhebe nicht den Anpruch, Expertin für dieses Land zu sein. Ich richte den Blick auf den Reisenden, auch auf mich selbst, wenn man so will, auf Leute, die mit einigen tausend Mark in der Tasche ein Land fahren, in dem es möglich ist, für ein paar hundert Mark im Monat ein Leben im Hotel zu führen. Meinen Blick werden die ertragen müssen, die pausenlos Betrachtungen über das bereiste Land anstellen. Die Rede ist nicht vom „normalen Touristen“, die Rede ist vom „Alternativ-“ oder „Rucksacktouristen“, der sich selbst und seinesgleichen „Traveller“ nennt.

Der Tourismus ist, seit China seine Tore geöffnet hat, eine wichtige Einnahmequelle für das Land. Die Regierung schätzt vor allem den Gruppentourismus, denn der bringt die meisten Devisen. Dafür ist jeder Rucksacktourist einzeln herausgefordert. Jeder Chinese, der jetzt nicht versucht, mit den reichen Langnasen ein Geschäft zu machen, ist selbst schuld. Der Traveller kommt zwar aus einem reichen Land – sonst könnte er nicht reisen –, aber er will nicht als wandernder Geldbeutel betrachtet werden. Schließlich ist er in dieses von vielerlei Mythen umwobene Land gekommen, um etwas über asiatische Philosophie zu erfahren oder sein politisches Bewußtsein zu erweitern. Die materielle Seite ist dabei sekundär. Für ihn zumindest, für die Chinesen nicht. Der Besucher muß entdecken, daß der Ehrgeiz der Chinesen, von der Wechselwirkung zwischen der Attraktivität ihres Landes und dem Reichtum der Besucher zu profitieren, unendlich groß ist. Chinesen denken scheinbar an nichts anderes als an Geld. Ihm, dem Traveller, geht es jedoch um anderes.

Zumindest ist es ihm am Anfang darum gegangen. Nach ein paar Flaschen Bier am Abend gibt der Traveller dann aber freimütig zu, daß er die Chinesen inzwischen einfach nicht mehr mag. Deshalb würde er auch nie Chinesisch lernen – und das Ticket nach Bangkok hat er sowieso in der Tasche, neben dem Walkman, versteht sich.

Am offenen Fenster des Restaurants kommen ein paar Chinesen vorbei und sehen die Gruppe von Ausländern sitzen, Bier trinken, reden und lachen. Sie bleiben stehen. Sie schauen neugierig, sie fragen freundlich: „Woher kommt ihr?“ Jemand, der ein wenig Chinesisch kann, zählt die Nationalitäten auf: USA, Schweden, Bundesrepublik, Schweiz, Australien ... „Wo wart ihr schon überall?“ und: „Wieviel Geld gebt ihr in einem Monat aus?“ Da sieht man’s wieder! Die Traveller sind enttäuscht, fühlen sich abgestoßen. Sie einigen sich darauf, daß man an China die Landschaft liebt, die Alten und die Kinder. Die haben nämlich noch diese asiatische Ausstrahlung, das heißt, sie sind ganz einfach zu jung oder zu alt, um ins Geschäft einzusteigen. „Hast du bemerkt, chinesische Kinder weinen nie.“ Natürlich hat das jeder bemerkt. Er ist ja durch seinen Reiseführer darauf gestoßen worden. Wir lesen, nebenbei gesagt, alle das gleiche Buch. Wir Traveller aus aller Welt sind eine große Familie, weil unsere Schritte von demselben Alternativ-Reiseführer (dem mit dem blauen Umschlag) geleitet werden, der uns mit identischen Informationen versorgt und unsere Sympathien und Antipathien gleicherweise steuert.

Der Traveller besteigt das Flugzeug und verläßt das Land, in dem er sich mühevoll in alten Bussen und in restlos überfüllten Zügen von Ort zu Ort bewegt hat. Immerhin kennt er noch die Macht der Utopie, die ihm den Weg zu unberührten Landschaften weist, zu Gegenden, in denen die Zivilisation noch nicht ihre Abdrücke hinterlassen hat. Deshalb liebt er auch Chinas Minderheiten. Er liebt, so möchte man fast glauben, die Armut, denn die ist exotisch. Aufgeregt erzählt er daheim von dem Dorf im Süden Chinas, dessen Einwohner bisher kaum Fremde gesehen haben, wo die Leute noch so freundlich, so unverdorben und gar nicht geldgierig sind (und wo er, nebenbei bemerkt, nur 50 Pfennig für die Übernachtung bezahlt hat).

Die minorities, so schließt er, seien einfach ganz anders als die Han-Chinesen. Die nämlich, die immerhin 93 Prozent der Bevölkerung ausmachen, lehnt er ganz global ab. Han-Chinesen sind die mit den blauen Jacken und dem unmöglichen Haarschnitt, diejenigen, die besagte Minoritäten immer machtlüstern unterdrücken und ihrer Lebensweise berauben wollten. „Weißt du“, wird er später zu Hause erzählen, „China ist einfach zu stark geprägt von den Han-Chinesen.“ Deshalb ist der Traveller auf der Suche nach Orten und Gegenden, wo „China nicht so chinesisch“ ist. Je abgelegener und exotischer, desto besser. Je besser, desto mehr Traveller. Je mehr Traveller, desto schlechter.