Unsere Wahrnehmung von Europa verändert sich seit geraumer Zeit. Der durch Westbindung, von sicherheitspolitischen Erfordernissen (Westeuropäische Union, Nato) und wirtschaftlicher Integration (Europäische Gemeinschaft) verengte Blick hat sich seit der HelsinkiKonferenz der 35 Staaten im Jahr 1975 auf den ganzen Kontinent erweitert. Die Politik Michail Gorbatschows schließlich hat das "Europäische Haus" in die Nähe langfristiger Zielsetzung operativer Politik gerückt. Die handliche Metapher suggeriert jedoch eine Komplexität des Kontinents, die Unterschiede und Brüche in den großen Entwicklungslinien seiner Teile außer acht läßt: "Das von außen so strenge, fast klassizistische Gebäude erweist sich also eher als Konglomerat von Bauten und Anbauten. Zu groß, um nur von einer Existenz genutzt zu werden, zu unrationell, um je von einer Behörde in Besitz genommen zu werden . Ist es nicht denkbar, daß diesem Lebensraum auch eine sehr spezifische Daseinsform entsprechen muß?"

Das Zitat ist willkommen, die Metapher vom europäischen Haus ihrer wahren Bedeutung näherzubringen. Tatsächlich beschreiben die Sätze ein wirklich existierendes Gebäude in Petrograd, Mojka Nr. 59, das zwischen Dezember 1919 und November 1922 das Haus der Künste war, und diese Sätze finden sich in ganz anderem Zusammenhang in einem wichtigen Buch:

Karl Schlögel:

Jenseits des Großen Oktober Das Laboratorium der Moderne Petersburg 1909 - 1921; Siedler Verlag, Berlin 1988; 542 S , 58 - DM Das ist ein im ursprünglichen Sinn des Wortes einer fast vergessenen, verdrängten Phase in der Geschichte des größten und mächtigsten europäischen Staates auf ungewöhnliche Weise. Jenseits angewöhnt, vor der bolschewistischen Revolution von 1917 liege im wesentlichen nichts anderes als das alte Rußland. Schlögel lenkt den Blick auf die Tatsache (und belegt sie vielfältig), daß ein vulkanischer Aufbruch Rußlands zur Moderne der Revolution, von ihrem mächtigen Schatten sieben Jahrzehnte später verdeckt, voraufgegangen war: "In dieser Revolution gingen jene Kräfte unter, die Rußland auf den Weg der industriellen Revolution gestoßen und das Land vorübergehend zum dynamischen Zentrum der Zivilisationsbewegung hatten werden lassen. Aber die russische Revolution ist zugleich eine Revolution gegen die Revolution der Moderne. Was folgen wird, ist eine Modernisierungsbewegung ohne Moderne, eine Fortsetzung des Weges auf die Höhe der Zivilisation, doch ohne die Elemente der zivilen Gesellschaft. Es gibt kein Wort, das diesen Fortschritt, der eine Katastrophe war, und diesen Aufbruch, der mit der Regression einhergeht, zusammenbringt. Es wäre ein Wort, in dem die Geschichte der Konstitution zugleich die Geschichte eines Zerfalls wäre Diese doppelte Geschichte ist das Thema des Buches.

Für die russische Intelligenzija jener Phase bedeutete sie eine Tragödie, aber auch für das Land an der Wegscheide der Geschichte: "Die Anfänge einer zivilen Gesellschaft und einer zivilen Kultur gingen in der russischen Revolution unter, aufgerieben nicht in einem Bürgerkrieg, sondern zwischen zwei Herrschaftskulturen. Für die alte war der Zivilbürger ein gefährliches republikanisches Element, für die neue war er ein suspektes Mixtum compositum, unkontrollierbar, anarchisch, manchmal sogar ganz einfach krankhaft und unnormal im Unterschied zum gesunden Kollektivbewußtsein des Volkes "

Das Laboratorium der Moderne Petersburg: Die Hauptstadt erlebte, auch in ihrem Stadtbild, im Aufprall des 20 auf das 16. Jahrhundert einen unvergleichlichen Einbruch moderner Wissenschaft, Technik, Wirtschaft und Kunst innerhalb eines kurzen Zeitraums nachgeholter Aufklärung: "Die Kräfte, die im Laboratorium Petersburg zusammenstoßen, fusionieren, sich spalten oder potenzieren, sind unübersichtlich, chaotisch, aber sie sind nicht anonym. Es sind nicht irgendwelche Prozesse, Produktivkräfte oder Ideen, die sich da bewegen, sondern Menschen. Sie alle — ob Philosoph oder Verleger, Publizist oder Illegaler, Dirigent oder Unternehmer — bevölkern einen Raum, zu dem die Nachgeborenen keinen Zutritt haben. Sie alle sind, gleich welcher Anschauung oder Partei, Angehörige ein und derselben Zeitheimat, eines Erfahrungs- oder Erwartungshorizonts, den nur sie kennen "

Karl Schlögel taucht in diesen Hexenkessel der Geschichte, erforscht ihn, beschwört die menschlichen Schatten zurück ins Leben, läßt die Steine reden. Das neue Petersburg, das um die Jahrhundertwende aus der kaiserlichen Residenzstadt an der Newa entsteht, der Nevskij Prospekt als seine Schlagader zum Biotop der hauptstädtischen Intelligenzija geworden, gewinnen in solcher Schattenbeschwörung Gegenwärtigkeit. Was auf den ersten Blick wie statistische Detailversessenheit des Autors wirken mag, erweist sich gerade dabei für den Leser als Möglichkeit, Lektüre in Teilhabe am "Schauplatz der Ambivalenz des Fortschritts und der Modernisierung" umzusetzen, wenn er etwa über 15 Seiten lang erfährt, was und wen der Nevskij Prospekt im Jahre 1910 in seinen Gebäuden zwischen der Admiralität und dem NikolajBahnhof beherbergte.