Ja, wo sind wir denn?

Die „New York Times schwärmt von der Hansestadt“, schwärmte unlängst das Hamburger Abendblatt. An dem Hamburg-Bericht des Amerikaners Serge Schmemann hatte dem Abendblatt besonders die lyrische Einstiegspassage gefallen. Sie spielt an der Außenalster: „Gulls swoop low over the rowing shells gliding silently past“, in etwa: „Möwen sausen niedrig über die Ruderboote, die still dahingleiten“. Die Zeitung (Plakatwerbung: „Das Abendblatt geht näher ran“) tat sich schwer mit der US-Poesie. Die Ruderboote gleiten dort „fast geräuschlos“ und die Möwen – ja, das Unbewußte! – befinden sich im „Tiefflug“.

Überhaupt, das fast. In „fast allen Rubriken klingen seine (Schmemanns) Worte fast wie eine Liebeserklärung an Hamburg“, schwärmt das Abendblatt. Vielleicht meint es die Szene, in der der Autor eine Prinz-Heinrich-Mütze erwirbt: „Frau Feddersen stellte sich für ehrliche Beratung zur Verfügung, nicht immer schmeichelhaft, und brachte mich auf die mittlere Bandbreite für 31 Dollar. Die hohe Variante kostete auch 31 Dollar, während die schmale auf 19 Dollar kam.“

Ähnlich begeistert zeigte sich Schmemann von „Harry’s Hafen Bazar“, einer Sammlung von 80 000 Kuriosa. „Das Zeug ist auf etwa 30 Räume in drei verfallenden Häusern ausgebreitet, wobei satte Gerüche bezeugen, wie unbeständig die Konservierungstechniken in manchen Ländern sind.“ Den stinkenden Krempel hat Harry Rosenthal, „ein vollbärtiger alter Seebär“, vor vielen Jahren „angefangen von Seeleuten zu kaufen, die eine schnelle Deutsche Mark brauchten“. Den hanseatischen Reichtum aus „Verlagswesen, Schiffahrt und Warenfabrikation“ bestaunt Schmemann ausgerechnet im schwer neureichen Pöseldorf, doch er findet, man zeige diesen Reichtum gemäß „einer norddeutschen Tradition“ mit „Geschmack und Diskretion“. Das Abendblatt mogelte in das Zitat: „wenn überhaupt“.

Im „wirklich informativen Stadtportrait von Hamburg“ übersah man im Höhenflug, daß Schmemann – übrigens Chef-Korrespondent der New York Times in Bonn – das „Zentrum von Kultur und Reichtum“ an der „Elbmündung“ gelegen vermutete. Was den Verdacht aufkommen läßt, der Mann mit dem mittleren Band an seiner potthäßlichen Schirmmütze sei in Brunsbüttelkoog gewesen. Wohin wir uns das Abendblatt auch wünschen.