Eine "Ohrfeige für die deutsche Wissenschaft" spürte Akademiepräsident Albach. Den unverhüllten Angriff der Rotgrünen auf die "Freiheit der Wissenschaft" sah der CDU-Abgeordnete Rüttgers. Und die "Zeitung für Deutschland" fühlte sich durch die beabsichtigte Schließung der seit knapp einem Jahr arbeitenden, von der CDU gegen Parlamentsminderheit und Berliner Hochschulen gegründeten Westberliner Akademie der Wissenschaften an die "Praxis in totalitären Staaten" erinnert.

Versuchen wir, die Sache berlinisch-nüchtern zu sehen: Die Freiheit der Wissenschaft wurde gegen den absolutistischen Staat erkämpft. Sie verbürgt dem Wissenschaftler die Freiheit zu lehren, was er für die Wahrheit hält. Aber kein Grundgesetz garantiert einer Mehrheits-Partei das Recht, Forschungsinstitutionen mit Ewigkeitscharakter zu gründen und dann nach eigenem Gusto zu besetzen. Genau das war in Berlin geschehen. Ersonnen von einer Gruppe konservativer Berliner Professoren, gehätschelt von Senator Kewenig, der etwas mit vielen Nobelpreisträgern und dem "Glanz der Tradition" wollte, und schließlich – im Jubiläumsjahr, als das Geld floß – gegründet von Senator Turner, der eine Institution anpeilte, die – zum Beispiel – die "Ablehnung technologischer Prozesse" durch "verständnislose" Laien abbaut. Derart deutlichen Vorgeschichten entsprach – trotz einiger Zugeständnisse an SPD und Öffentliche Meinung – die Bestellung der ersten 31 Akademie-Mitglieder – auf Lebenszeit berufen, mit zwanzig Tagen Anwesenheitspflicht pro Jahr in Berlin.

Wissenschaft und Forschung, das zeigte dieser Berliner Gründungsvorgang (vgl. DIE ZEIT Nr. 43/1987) haben auf weite Strecken ihre Unschuld verloren und werden von der jeweiligen geldgebenden Exekutive instrumentiert. Die hochgemute Erinnerung an den Geist der Akademien, jene "höchsten und letzten Freistätten der Wissenschaft und ... vom Staat am meisten unabhängigen Korporationen" wird zur Propaganda für das, was ohnehin geschieht. Die ersten Projektskizzen der Akademie zu Berlin gehen nicht über das hinaus, was ohnehin von Firmen geforscht und vom Forschungsminister gefördert wird: Wann wird die großtechnische Nutzung der Sonnenenergie rentabel? Wie kann man die Innovationsgeschwindigkeit steigern und die Durchsetzung von Produkten auf dem Weltmarkt beschleunigen? Welche Folgen hat die Automatisierung? Kein "akademisches" Nachdenken über die Richtung und Geschwindigkeit des Fortschritts insgesamt sollte hier stattfinden, sondern eine der Politik zuarbeitende Instanz.

Aber was heißt: "der Politik"? Akademiemitglied Ursula Lehr wechselte kürzlich nach Bonn, und die "praxisorientierte" Akademie zählte zwar Industriemanager in ihren Reihen, nicht aber, als Gegengewicht, Gewerkschafter. Es lag in der Logik dieser Gründung, daß der Vorsitzende der Bundestags-Enquete-Kommission "Technikfolgen-Abschätzung", der CDU-Abgeordnete Rüttgers, neulich empfahl, die Aufgabe der Zukunftsbewertung nicht im Bundestag zu lösen, sondern eben dieser Akademie zu überantworten. Die Auflösung der Berliner Akademie "in ihrer bisherigen Form" – und nichts anderes steht im rotgrünen Koalitionspapier – ist daher nach diesem Wahlausgang nur konsequent. Und Wissenschaftler, die sich erst auf parteipolitische Abenteuer einlassen, sollten hinterher nicht jammern.

Die Berliner Koalition will mit der Schließung der Akademie Mittel gewinnen, um der personellen Austrocknung der Hochschulen entgegenzuwirken. Das ist ein lobenswertes Ziel. Aber offenbar war die Überraschung der Rotgrünen über ihren Sieg so groß, daß sie es versäumt haben, nach vorn zu denken. Denn nach wie vor fehlt uns eine große Institution, in der die Debatten geführt werden können, die unsere Gesellschaft immer stärker zu spalten drohen: Wie soll, wie kann die Zukunft der Industriegesellschaft aussehen?

Und wo sollte diese Akademie stehen – wenn nicht in Berlin? Mathias Greffrath