Der deutsche Aktienmarkt steht im Spannungsfeld zunehmender Inflationsängste und ausgezeichneten Wirtschaftsdaten. Beide Kräfte halten die Kurse noch weitgehend im Gleichgewicht. Allerdings scheint es so, daß die steigenden Zinsen bei der Tendenzbildung eine immer gewichtigere Rolle zu spielen beginnen. Und da höhere Zinsen auf Dauer feste Aktienkurse ausschließen, mehren sich die Zweifel an ihrem weiteren Anstieg.

Nur so ist zu erklären, daß Dividendenanhebungen, Ertragssteigerungen und zuversichtliche Unternehmensprognosen für 1989 und sogar für 1990 ihre Wirkung auf die Aktienkurse verfehlen. Erschwerend kommt das sich verändernde innenpolitische Klima in der Bundesrepublik hinzu. Es hält Ausländer von deutschen Aktien fern, und deutsche Anleger sehen sich zunehmend im Ausland um, wenn sie sich in dieser Situation nicht überhaupt der alten Börsenweisheit erinnern, wonach Cash fesch macht! Übrigens sind im vergangenen Jahr 84 Milliarden Mark langfristiger im Ausland angelegt worden, nicht zuletzt die Konsequenz der seit Januar dieses Jahres geltenden zehnprozentigen Quellensteuer. Der Kapitalabfluß hält an, er wird nunmehr zunehmend politisch begründet.

Kursstützend wirkt in dieser Lage, daß das tägliche Angebot in den Börsensälen vergleichsweise gering ist. Der Markt leidet nicht unter Verkäufen, sondern unter der mangelnden Anlagebereitschaft. Das trifft in einem gewissen Umfang auch für den Rentenmarkt zu. Im zehnjährigen Laufzeitbereich werden Renditen von unter sieben Prozent kaum noch akzeptiert. Kreditinstitute empfehlen allenfalls drei- bis vierjährige Titel, bei denen die Renditen um 6,7 Prozent liegen und das Kursrisiko von der kürzeren Laufzeit her überschaubar ist. K. W.