Von Robert Leicht

Die Geschichte wiederholt sich nicht. Doch keiner in Bonn, der in diesen Tagen nicht von lebhaften Erinnerungen an frühere Kanzlerkrisen und Machtwechsel heimgesucht würde. Der Alb des Machtverlusts, der Traum vom frischen Tatendrang – Regierung wie Opposition wittern Morgenluft: Ein neuer Tag zieht herauf. Wie werden sie sich erst, bei Licht besehen, die Augen reiben!

Der Wind pfeift durch die Hallen – wie schon 1966, wie 1969, wie 1982. Tiefer kann der Kanzler nicht sinken, ohne ins Bodenlose zu fallen. "Ludwig Erhard ist und bleibt Bundeskanzler." Als Rainer Barzel im Herbst 1966 diesen Satz sprach, wirkte dies wie ein verbaler Todeskuß für den Taumelnden. Jetzt sagt Lothar Späth: "Es dient der CDU gegenwärtig nicht, eine Personaldiskussion zu eröffnen. Es ist viel wichtiger, daß wir jetzt versuchen, dem Kanzler zu helfen." Nur gegenwärtig nicht? Nur versuchen? Lauter verräterische Vorbehalte, in diesen wie in allen anderen Politikersprüchen. Doch die Erinnerung ist so doppeldeutig wie jedes Orakel. Zwar blieb Erhard seinerzeit nicht mehr lange Kanzler, aber Barzel wurde gleichwohl nie Regierungschef.

In der hektischen Bonner Woche, die dem Frankfurter Wahldesaster der Union folgte, brach jene für drohende Wetterstürze typische Hysterie aus, in der sich selbst Kleinigkeiten zu Katastrophen auswachsen. Da werden die Helden von einst zu Schattengestalten, die Hinterbänkler zu Auguren. Früher wäre eine Mehrheitsfraktion, die alle Ratschlüsse des Koalitionszirkels auf Punkt und Komma willenlos geschluckt hätte, als ein Haufen von politischen Memmen bezeichnet worden: Wo bleiben denn da Willen und Verstand unserer unabhängigen Abgeordneten? Nun verlangten die Abgeordneten der Union Nachbesserungen an einem hastig geschnürten Paket von Vorwahlgeschenken – und schon gilt, was eigentlich der Normalfall parlamentarischer Diskussion sein sollte, als niederschmetterndes Kanzlerdesaster.

Doch von Normalität kann in Bonn eben nicht mehr die Rede sein, jedenfalls nicht, bis der Kanzler ein anderer ist – oder ein anderer Kanzler. Wenn Regierungen anfangen, wider ihr eigenes fiskalisches Credo und ohne politische Konzeption aus schierer Panik mit Geld um sich zu werfen, dann beschleunigen sie ihren Verfall, anstatt ihn aufzuhalten. Denn jeder Bürger erkennt: Das war die letzte Kugel im Lauf. Schon das jüngste Notopfer (vom Erziehungs- und Kindergeld über Familien- und Pflegehilfen, vom BAföG über Kriegsopferhilfen zu Mitteln für den Wohnungsbau) überfordert im Grunde den Bundeshaushalt. Vor dem Wahltag hat diese Koalition nun nichts mehr anzubieten. Die "Kriegskasse" ist geplündert worden, ehe der Kampf erst richtig angefangen hat.

Die Truppen fangen schon vorher an, sich zu zerstreuen. Die Liberalen gehen auf Abstand zur Union. Zwar, so heißt es, denke man dabei nur an die Landtagswahl 1990 in Nordrhein-Westfalen. Dort stünden CDU und FDP in Opposition zur SPD – und in der Opposition gebe es keine Koalitionen. Aber schon oft war das Land an Rhein und Ruhr Exerzierfeld für Bonner Schlachten gewesen. Irgendwo müssen die Liberalen mit ihren Lockerungsübungen schließlich anfangen.

Kabinettsumbildung, Kanzlersturz und Koalitionsgeflüster – in Bonn ist jedenfalls alles im Gerede und nichts mehr im Lot. Entweder, so heißt es heute, schafft Helmut Kohl noch vor der Europa-Wahl am 18. Juni (und vor dem Gorbatschow-Besuch eine Woche zuvor) den "Befreiungsschlag" – oder er wird danach, wenn’s wieder schiefgeht, selber von ihm getroffen werden. Im September muß sich Kohl dem Bundesparteitag der CDU stellen – und dort will er, so ließ er durchblicken, seine Gegner stellen.