Fridolfing

Dreißig Kilometer nördlich von Salzburg, auf bayerischer Seite des Grenzflusses Salzach und zwischen den malerischen Städtchen Laufen und Tittmoning, liegt die Gemeinde Fridolfing. Fern genug vom südostbayerischen Chemiedreieck um Gendorf und Burghausen, ist Fridolfing überwiegend landwirtschaftlich orientiert und wurde schon früh und gründlich nach herkömmlicher Weise flurbereinigt: Man senkte die Bäche ab, sägte die Kopfweiden um und räumte die Feldflur aus, so wie es eben üblich war in den sechziger und siebziger Jahren, weiß Gott nicht nur in Fridolfing.

Größter Arbeitgeber vor Ort – und hier beginnen die Besonderheiten – ist ein blitzsauberer High-Tech-Betrieb, die Firma Rosenberger Hochfrequenztechnik, deren präzise Mikrowellenbauteile in alle Welt exportiert werden. Auf dem Firmengelände steht ein dreißig Meter hoher, weißverputzter Schornstein, der heute nur noch für die Abwärme der Zentralheizung benutzt wird. Auf dessen gerade 6,5 m hoch 2 großer Abdeckplattform tat sich im Frühjahr 1988 Ungewöhnliches: Da balzte und schnäbelte ein Storchenpaar und trug zur Freude und Verwunderung von Belegschaft und Bevölkerung in unverkennbarer Nistbereitschaft Zweige zusammen. Zur selben Zeit hielt sich ein Dutzend Artgenossen in und bei Fridolfing auf und stakste hinter lärmenden Traktoren über frischgeackerte Felder.

Nun ist der Storch in Oberbayern ein häufiger Durchzügler, aber ein rarer Brüter. Nur bei Erding – also dort, wo jetzt der Großflughafen entsteht – waren in den vergangenen Jahren noch ein oder zwei Nester besetzt. Weiter im Süden gab es noch einen Horst bei Murnau, einen in Endorf, einen in Palling im Kreis Traunstein – aber das ist schon sehr lange her.

Der Wind blies das Nistmaterial vom Rosenberger-Kamin, zweimal, dreimal, auf der flachen Platte hielt sich kein Zweig. Die Störche gaben schließlich auf und flogen davon. Nun ergriff die zuständige Traunsteiner Kreisgruppe des Landesbunds für Vogelschutz die Initiative: Schlossermeister Sepp Daxenberger, nebenbei Bezirkstagsabgeordneter der Grünen, baute ein Nest – genauer gesagt: einen ausbaufähigen metallenen Nistanreiz. Der wurde auf einen verstellbaren Rahmen montiert. Die Frage war bloß: Wie kriegt man das Ding rauf?

Keine Feuerwehrleiter war für solche Last geeignet. Schließlich bat man die Bundeswehr um Amtshilfe – und fand Gehör. Als deus cum machina schwebte ein Hubschrauber der Gebirgsheeresfliegerstaffel 8 ein, nachdem das Genehmigungsverfahren für den Einsatz Storchennest zuvor Dienststellen in Ulm, München, Penzing und Berchtesgaden beschäftigt und einen halben Aktenordner gefüllt hatte. Heeresbergführer Peter Derr vom Gebirgsjägerbataillon 232 in Strub wurde auf der Kaminplattform abgesetzt, und dann waren zwei weitere Anflüge nötig, bis auch das Nest samt Rahmen und Blitzableiter an Ort und Stelle deponiert und befestigt werden konnte. Die Firma Rosenberger lud nach erfolgreichem Abschluß der Aktion zur bayerischen Brotzeit, der Juniorchef trat spontan dem Landesbund für Vogelschutz bei, und für die Bundeswehr erklärte Oberstleutnant Bäder, der Luftraum über Fridolfing werde während der Brutzeit weiträumig gemieden. Bleibt abzuwarten, ob das schnäbelnde Paar von 1988 den Zug nach Afrika gut überstanden hat; den Luftraum über dem Libanon kotrolliert die Bundeswehr ja nicht. Fraglich ist auch, ob die Flurbereinigungslandschaft einer Storchenfamilie genügend Nahrung bietet. Da Meister Adebar neben Fröschen auch Mäuse, Maulwürfe und anderes Kleingetier verzehrt, besteht nach dem milden Winter vielleicht eine Chance. Jeden Tag muß mit den ersten Heimkehrern aus Afrika gerechnet werden.

Till Reinhard Lohmeyer