Es gibt tatsächlich Fußballtrainer, die selbst im Zustand äußerster Erregung während eines Spiels schweigen. Ernst Happel, der ehemalige HSV-Trainer (heute beim FC Tirol), ist einer der berühmtesten Schweiger seiner Zunft.

Aber auch Franz Beckenbauer, Teamchef der deutschen Nationalmannschaft, ruft selten ins Spiel hinein. Gegenüber den temperamentvollsten Trainern der Bundesliga Otto Rehhagel (Bremen) und Winfried Schäfer (Karlsruhe) hat "Kaiser Franz" tatsächlich etwas von der erhabenen Stummheit eines Denkmals. Einen Mittelweg hat Josef Stabel gefunden, Trainer des 1. FC Kaiserslautern: Er schreit nicht mehr, er pfeift auf zwei Fingern.

Nutzt das Brüllen überhaupt etwas? Hört einer hin? Oder wollen die Schreier nur Überdruck loswerden, der entsteht, weil sie während eines Spiels zur Untätigkeit an der Seitenlinie verdammt sind?

Günter Netzer, einer der großen Spielmacher des deutschen Fußballs in den sechziger und siebziger Jahren, weiß es aus seiner Zeit: "Als Spieler hört man gar nicht hin, wenn der Trainer von der Seitenlinie etwas hinausbrüllt. Etwas anderes ist es, wenn er einen einzelnen Spieler zu sich heranholt, um ihm eine Anweisung zu geben." Udo Lattek, einer der erfolgreichsten deutschen Fußball-Trainer der beiden letzten Jahrzehnte, bestätigt: "Es geht an den Spielern vorbei, wenn Trainer an der Seitenlinie unablässig hin und her rennen und irgend etwas ins Spiel schreien."

Sepp Herberger hatte als Bundestrainer – er gewann mit der deutschen Nationalelf 1954 die Weltmeisterschaft – eine Maxime: "Was du als Trainer vor dem Spiel versäumt hast, das kannst du während der neunzig Minuten eines Spiels nicht wiedergutmachen."

Allerdings haben die Bundesliga-Trainer so manche Entschuldigung verdient. Denn sie stehen dauernd unter Streß. Sie hocken, stets sprungbereit, auf den unbequemen Bänken am Spielfeldrand und belauern sich gegenseitig. Sie stehen unablässig unter Zeitdruck; denn sie müssen ihre eigene Unersetzlichkeit stets und ständig während der laufenden Saison beweisen.

Und die Öffentlichkeit spricht dauernd mit. Bei ihrer Urteilsfindung spielt das Fernsehen eine nicht geringe Rolle. Wie häufig sind die Fernseh-Kameras während der Neunzig-Minuten-Vorstellung auf den Mann am Spielfeldrand gerichtet? Otto Rehhagel, voll im Visier, kann durchaus eine Flaute auf dem Rasen überbrücken. Winfried Schäfer in der Konfrontation mit dem Schiedsrichter, der ihn weghaben will von der Seitenlinie, ist ein zusätzlicher Knüller. Und wenn erst das Show-Genie Klaus Schlappner im Bild ist, läßt sich sogar eine Verletzungspause von zwei Minuten mühelos überbrücken, ohne daß es für den Fernseh-Zuschauer langweilig wird.