Von Claus-E. Bärsch

Am 27. Juni 1924 begann der 27jährige Dr. phil. Joseph Goebbels – damals noch nicht Mitglied der NSDAP – mit der Niederschrift eines Tagebuches. Das Tagebuch war ihm ein „sorgsamer Beichtvater“, ein „Gewissensarzt“. Und so ist es nicht verwunderlich, daß er es bis kurz vor seinem Tod kontinuierlich fortsetzte. Es wurden viele Bücher. Einige Teile gerieten nach dem Krieg in die Hände der Amerikaner, weitaus die meisten jedoch gelangten zunächst in die Sowjetunion. Über das Schicksal dieser Teile herrschte lange Zeit Ungewißheit. Erst im Herbst 1987 konnten „Die Tagebücher von Joseph Goebbels. Sämtliche Fragmente“ im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte und in Verbindung mit dem Bundesarchiv Koblenz von Elke Fröhlich herausgegeben werden. Sie stellen eine überaus wichtige Quelle zur Erkenntnis der nationalsozialistischen Mentalität und der nationalsozialistischen Politik dar. Deshalb war ihre Veröffentlichung nötig. Von öffentlichem Interesse sind aber nicht nur die Tagebücher selber, sondern auch ihre Vermarktung. Diesen Komplex behandelt:

  • Peter-Ferdinand Koch (Hrsg.):

Die Tagebücher des Doktor Joseph Goebbels

Geschichte und Vermarktung; Verlag Facta Oblita, Hamburg 1988; 342 S., 42,– DM

Ein öffentliches Interesse an der Vermarktung der Goebbels-Tagebücher resultiert – vereinfacht gesagt – daraus, daß der zwielichtige Schweizer Verleger François Genoud aus Lausanne am 10. September 1985 Vertragspartner des Rechtsnachfolgers des Dritten Reiches, also der Bundesrepublik Deutschland, vertreten durch den Bundesminister des Innern, wurde. Man kann darüber streiten, ob dies unumgänglich war, um die Veröffentlichung der Tagebücher endlich zu ermöglichen. Aber in einem Gutachten der Bundesregierung zum Thema Nutzungs- beziehungsweise Urheberrecht von NS-Größen war vier Jahre zuvor festgestellt worden, daß „Goebbels“ Urheberrechte auf seine Erben übergegangen sind, die dann die urheberrechtlichen Verwertungsrechte auf den Verleger Genoud übertragen haben“.

Das von dem ehemaligen Spiegel-Redakteur Peter-Ferdinand Koch herausgegebene Buch informiert mit vielen Einzelheiten über den Weg der Tagebücher nach 1945, über die Geschichte der Tagebücher selbst und ihrer Kopien, über den Streit um das Eigentum, über die Frage des Urheberrechts und die Geschichte der Verträge, über das Verhalten der jeweils an den Verträgen beteiligten Personen und schließlich über Macht und Geld im Beziehungsgefüge ehemaliger Nationalsozialisten. Dafür haben die Mitarbeiter dieses Buches – so der Herausgeber – in vielen Ländern recherchiert: in der Schweiz, in der Sowjetunion, in den USA, in der Bundesrepublik und in der DDR. Ihnen hätten auch israelische und französische Quellen zur Verfügung gestanden. Fast auf jeder Seite des Buches wird ein Dokument veröffentlicht: Photographien von den Beteiligten, Geheimdienstbeurteilungen, Briefe, Kopien von Rechnungen und Schecks; vor allem die fast lückenlose Wiedergabe aller erheblichen Rechtsgrundlagen, nämlich der Verträge zwischen Privatpersonen und Verlagen, Institutionen des öffentlichen Rechts und Verlagen sowie das bereits genannte Rechtsgutachten der Bundesregierung.