Im Dezember vergangenen Jahres ging in den USA ein tausend Tonnen schwerer Stahlbetonklotz auf die Reise: Ein eigens konstruierter Kran hievte den Koloß 23 Meter hoch und hob ihn auf einen mit 320 Reifen bestückten Spezialtransporter. Der zehn Meter hohe Druckbehälter des Atomkraftwerks Shippingport, fünfzig Kilometer nordwestlich von Pittsburgh, wurde verladen.

Die Amerikaner hatten bereits 1985 mit den Abbauarbeiten an der 72-Megawatt-Anlage begonnen. Im Unterschied zu Niederaichbach waren die Brennelemente dort jedoch in einem Druckbehälter untergebracht, mit dessen Beseitigung es sich die Techniker leichtmachten. Das Stahlgehäuse wurde nicht zerlegt, sondern in einem Stück „entsorgt“. Um die Umwelt vor der Restaktivität zu schützen, wurde der den Druckbehälter umgebende Neutronenschild, ein Wassertank von einem Meter Dicke, mit Beton gefüllt.

Da auch in den Vereinigten Staaten noch kein Endlager für hochradioaktiven Müll existiert, findet der Druckbehälter seine letzte Ruhestätte auf militärischem Gelände in Hanford im US-Bundesstaat Washington. Ein Auftrag, über den sich die Manager des „Atom-Reservats“ in der Halbwüste des amerikanischen Bundesstaats Washington freuen dürften. Denn im riesigen Atomkomplex, der wegen skandalöser Lecks bei der Produktion von Atombomben in die Schlagzeilen geriet, stockt das Geschäft, nachdem die Plutonium-Produktion zum Stillstand kam. Auf dem Areal wird jetzt der Reaktor schlicht vergraben. Eine simple Methode, die das Ziel der deutschen Ingenieure, weltweit den ersten Leistungsreaktor beseitigt zu haben, durchkreuzt. Für das kommende Jahr ist in den USA die Premierenfeier angesetzt. Bis dahin soll der Druckwasserreaktor von Shippingport von der Bildfläche verschwunden sein. Die gesamten Abrißkosten für den Reaktor, der zwischen 1957 und 1982 6,5 Milliarden Kilowattstunden Strom lieferte, werden auf 98 Millionen Dollar (180 Millionen Mark) beziffert. Das frei werdende Kraftwerksgelände soll wieder einer uneingeschränkten Nutzung zugeführt werden.

Doch amerikanische Ingenieure und Techniker versuchen sich auch an einem wesentlich schwierigeren Objekt: dem Unglücksreaktor von Harrisburg. In dem Kraftwerksblock Three-Mile-Island-2 (TMI-2) war es am 28. März 1979 zu dem bis heute schlimmsten AKW-Störfall in einem westlichen Industrieland gekommen. Im Verlauf der Katastrophe schmolzen rund zwanzig Prozent des Kernmaterials. Die Brennelemente und Schmelzprodukte bilden derzeit eine rund einen Meter dicke Ablagerung am Boden des Reaktorbehälters. Die Entfernung der Bruchstücke kann wegen der hohen Strahlung nur von Robotern bewerkstelligt werden, die bis Ende 1987 erst 87,7 Tonnen Material in 200 Fässer verpackten.

Bis zum Abschluß der Arbeiten im kommenden Jahr sollen allerdings rund 99 Prozent des radioaktiven Brennmaterials beseitigt sein. Die Kosten bis dahin gab die Betreibergesellschaft General Public Utilities Nuclear Corp. (GPUN) mit einer Milliarde Dollar an. Da die Strahlung in den übrigen kontaminierten Bereichen der Anlage noch sehr hoch ist, hat die Firma der US-Kontrollbehörde Nuclear Regulatory Commission vorgeschlagen, den Reaktor für dreißig Jahre abzuschotten. Der TMI-2 könnte dann zusammen mit dem ersten Block abgerissen werden, dessen Betriebszeit voraussichtlich im Jahr 2010 endet. Ein Beirat aus Anwohnern und Wissenschaftlern fürchtet jedoch, daß die Atom-Ruine dann gar nicht mehr beseitigt wird. So wies der Bürgermeister von Lancaster im US-Bundesstaat Pennsylvania darauf hin, daß die Gesellschaft noch gar keine Rücklage für einen eventuellen Abriß gebildet habe.

Auch Großbritannien treibt die Forschung auf dem Gebiet der Abrißtechnologie zügig voran. Immerhin stehen hier in absehbarer Zeit alle acht Magnox-Reaktoren der ersten Generation zur Stillegung an. Sie waren in den 60er Jahren in Betrieb genommen worden – mit einer prognostizierten Lebensdauer von 25 Jahren. Einen der gasgekühlten, graphitmoderierten Meiler hat die Betreibergesellschaft Central Electricity Generating Board (CEGB) bereits aufgegeben: Für die Anlage in Berkeley, Gloucestershire, hatte die Kontrollbehörde Nuclear Installations Inspectorate (Nil) erhebliche Sicherheitsauflagen gemacht und Nachbesserungen verlangt, so daß sich ein Weiterbetrieb nicht mehr lohnte. Das erste große kommerzielle Atomkraftwerk Großbritanniens wurde abgeschaltet. Der Reaktor mit zwei Blöcken und einer Leistung von jeweils 138 Megawatt war 1961/62 ans Netz gegangen.

Die CEGB will den Reaktor allerdings erst nach hundert Jahren vollständig beseitigen, wenn der größte Teil der Radioaktivität im Innern abgeklungen ist. Die Kosten für den Abriß schätzt die Gesellschaft auf 300 Millionen Pfund (etwa eine Milliarde Mark).