Von Bartholomäus Grill

Khartum, im März

Nein, nein", sagt Ibrahim, der Blechschmied, "das ist kein Veteran." Allah habe den Krüppel, der soeben an seiner Werkstatt vorbeischlurft, gestraft. Er ist kein Kriegsversehrter, sondern ein Opfer der Scharia, des islamischen Rechtes. Man habe ihm, einem Dieb aus Not, den Fuß abgehackt, erzählt Ibrahim, der zwar Moslem ist, aber grausame Strafen ablehnt.

In der finsteren Zeit zwischen 1983 und 1985 wurden im Sudan mehr Menschen verstümmelt oder hingerichtet als in den übrigen islamischen Ländern zusammengenommen. Das versichern Oppositionelle, welche die Blutspuren der unter dem Diktator Numeiri eingeführten Scharia aufmerksam verfolgt haben. Justizminister Hassan al-Turabi, Führer der fundamentalistischen National Islamic Front (NIF), peitschte 1983 die berüchtigten "September-Gesetze" durch. Sie sollten fortan landesweit, also nicht nur für die islamisch-sunnitische Mehrheit im Norden, sondern auch für sechs Millionen im Süden lebende Christen und Anhänger von Naturreligionen gelten. Weil den Provinzen am Obernil kurz vorher überdies ihre Teilautonomie aberkannt worden war, entflammte der zweite Bürgerkrieg seit der Unabhängigkeit im Jahr 1956.

Derselbe Turabi bekleidete nach Numeiris Sturz zeitweise wieder dasselbe Amt. Und wieder trachtete der "Scharfrichter der Nation" danach, die unterdessen eingefrorene Scharia aufzutauen. Ausgerechnet in diesen Tagen, in denen sich die Bevölkerung nach Frieden sehnt und die Streitkräfte nach empfindlichen Niederlagen kampfesmüde sind, pflegt er seinen schlechten Ruf als Kriegstreiber. "Es ist ein Konflikt zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden, zwischen Arabern und Afrikanern, Moslems und Christen", erklärt Bona Malwal, ein Dinka aus dem Süden, der in Khartum die Tageszeitung Sudan Times herausgibt. Er gehört zu den schärfsten Kritikern von Ministerpräsident Sadiq, al-Mahdi, der 1986 demokratisch gewählt wurde und bislang keinerlei Erfolge aufzuweisen hat.

Frieden und Wohlstand hatte der Chef der konservativen Umma-Partei versprochen, nun steht der flächenmäßig größte Staat Afrikas vor dem Bankrott. Die Auslandsschulden kletterten auf fast dreizehn Milliarden Dollar, der Krieg verschlingt pro Tag rund eine Million Dollar. Im Vorjahr starben mindestens eine viertel Million Menschen durch Hunger und Krieg, in diesem Jahr droht Zehntausenden das gleiche Schicksal. Pessimisten befürchten inzwischen eine "Libanonisierung" der krisengebeutelten Republik.

In Omdurman, einer der drei Städte von Groß-Khartum, merkt man nichts vom Bürgerkrieg. Im Souk wird alles feilgeboten, was die Leute zum kargen Leben brauchen. Die Händler schachern, die Frauen balancieren Warenkörbe, die Männer palavern oder versammeln sich nebenan, in der staubigen Ebene, beim Tanz der Derwische. Das Blutvergießen im eigenen Land verdrängen sie. Wenn sie aber hinausgingen an die Peripherie der Hauptstadt, nach Hilla Mayo etwa oder nach Daressalam, blieben ihnen die Folgen des Konflikts nicht mehr verborgen. In den Slums, die sich wie ein Elendskranz um die Metropole legen, fristen rund eine Million Flüchtlinge ihr Dasein. Der Hunger und der Krieg haben sie in den Norden getrieben.