Immer wieder mal dasselbe: ein Oberstaatsanwalt und/oder Bild empören sich, klagen oder zitieren schamlos außerhalb der Legitimität des Zusammenhangs zwecks Entlarvung der Schamlosigkeit und verhindern so jede unvoreingenommene Beurteilung eines Sachverhalts. Denn mit der Sicherheit des Pawlowschen Reflexes folgt dieder Empörungsakten der Auftritt der Liberalen, die nun die Freiheit der Kunst usw ...

Diesmal hat leider die sonst gern gesehene ARD-Kultursendung „Titel Thesen Temperamente“ der Aufklärung den Bärendienst erwiesen. Über den Wiener Aktionskünstler Hermann Nitsch, dessen Berufung als Professor an die Frankfurter Städel-Kunstschule heftige Kontroversen ausgelöst hat, berichtete III im Rahmen eines Films über Okkultismus, Satanismus und andere Dunkelmännertätigkeiten. Ein alter, zur Veröffentlichung nicht freigegebener Film von einer Aktion war dabei so zerstückelt worden, daß Nitsch selber, laut dpa, sich geekelt hat.

Die rituelle Vergewaltigung einer Frau, die erst entkleidet, dann an ein Kreuz gebunden und mit Tierblut übergössen wird: wer das dem Fernsehpublikum so anbietet, als handele es sich um eine veritable Gewalttat und noch mit dem Hinweis würzt, Zartbesaitete sollten jetzt lieber wegschauen, der hat nicht Information und nicht einmal Polemik im Sinn. Ein um Fakten bemühter Beitrag zum Thema Nitsch wäre bunter und banaler zugleich gewesen und hätte doch Stoff genug abgegeben für die legitime Frage, ob dieser ergraute Wanderprediger der Blut- und Hoden-Kunst eigentlich Lehrer in Staatsdiensten werden soll.

Nicht „sex and crime“ betreibt oder beschreibt Hermann Nitsch, sondern ein, wie er es nennt, „Orgien und Mysterien Theater“. In seinem Landschloß Prinzendorf bei Wien kommen seine Freunde und Jünger zu mehrtägigen Aktionen zusammen, bei denen man einander mit Tierkadavern, Blut, Innereien, Kot, Gedärmen und solchen Dingen mehr traktiert und Kreuzigungs- und Opfer-Rituale vorführt. Man trägt nackte Haut oder weiße Kleidung und arbeitet mit und auf weißen Tüchern, des Blutes wegen, dem mit Kübeln von roter Dispersionsfarbe nachgeholfen wird. Wer nicht im Land von Sacher-Masoch heimisch ist, wo gebackenes Hirn auf jeder besseren Speisekarte steht, den befällt ein leichtes Unwohlsein, aber keine Angst vor Notzucht.

„N. lebt in erster Linie von den Relikten seiner Aktionen und Bücher“, heißt es in einem Pressedienst über den letzten der noch tätigen Wiener Aktionisten, die in den frühen sechziger Jahren mit ihrer österreichischen Variante des Happenings für Aufregung sorgten. Und nun möchte Nitsch nicht nur von farb- und blutgetränkten Tüchern, Tragbahren, Menstruationsbindenbildern und blutbefleckten Priestergewändern leben, sondern „in Ruhe lehren“ bei einem Professorengehalt. Der Ausstellungsmacher Kasper König, vom Frankfurter Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann als Rektor in die Städel-Schule gehievt, hat sich diese Berufung ausgedacht. Nicht zuletzt sollte damit Peter Kubelka für den Verzicht auf das Rektorenamt entschädigt werden. Kubelka, als Filmprofessor in Frankfurt engagiert, hat sich einen Namen gemacht durch seine exorbitanten Kochklassen. Daß Kubelka seinen Landsmann Nitsch gern bei sich hätte, ist verständlich: Schließlich arbeiten beide mit dem gleichen Rohmaterial. Und warum sollte Nitsch nicht auch als Gast auf Zeit in Frankfurt tätig sein: Die wahrhaft interessierten Studenten, deren Zahl sich wohl in Grenzen halten wird, könnten anschließend ja in Prinzendorf die Wirklichkeit erleben lernen. Nichts gegen Därme mit Dispersionsfarbe. Aber „Origiastik“ als Vollprofessur mit Pensionsanspruch: das ist wohl ein blutiges Mißverständnis.

Petra Kipphoff