Von Johannes Mario Simmel

Sie hieß Mila Blehova, und sie stammte aus einem winzigen tschechischen „Stedtl“. Eine breite Entennase hatte sie und später, als sie älter wurde, ein prächtiges falsches Gebiß. Und ganz jung und ganz alt hatte sie das gütigste Gesicht, das ich in meinem Leben gesehen habe. Wenn man sie erblickte, wußte man: Diese Frau konnte niemals eine Lüge aussprechen, diese Frau war unfähig, Böses zu tun.

Die Mila war schon da, als ich auf die Welt kam, und sie blieb bei uns noch zwei Jahre nach Ende des Krieges. Sie nannte mich „Butzl“. Als junges Mädchen (erzählte sie mir später) war sie zum „Sokol“ gegangen, dem tschechischen Turner-Verband. Mit ihm hatte sie 1920 ein großes Fest in Wien besucht. Immer wieder schilderte sie dieses wunderbare Treffen, die Turnerei, die Feiern und Fahnen und Zelte und Lieder, und sie übersetzte mir die Texte, wenn sie diese Lieder sang mit hoher zittriger Stimme. Von Gerechtigkeit und von Freiheit war in den Texten die Rede.

Als ich noch ein kleiner Junge war, ging es meinem Vater zuerst sehr gut, denn er arbeitete schwer, und dann ging es ihm sehr schlecht, obwohl er nach wie vor sehr schwer arbeitete. Zwischen diesen beiden Abschnitten liegt der berühmte „Schwarze Freitag“ des Jahres 1929. Damals gab es einen internationalen Börsenkrach, wie es ihn seither nie wieder gegeben hat, und Millionen Menschen verloren in ein paar Stunden alles, was sie sich geschaffen hatten.

Die Geschichte aus der Zeit, in der ich noch klein war und die mir immer wieder einfällt, hat sich vor dem „Schwarzen Freitag“ ereignet, als es uns noch gut ging. Als es uns noch gut ging, besaßen wir ein Haus in Mödling, das ist ein schöner Villenort etwa dreißig Kilometer vor Wien. Die Mila (sie hatte zwei „Madeln“, die ihr halfen) kochte da und putzte und servierte, und sie verehrte den „gnä’ Herrn“, meinen Vater, denn der war Sozialdemokrat wie sie, und er hatte die gleichen Ansichten wie sie.

Zu dem Haus gehörte ein Park und ein großer Garten. So viele Blumen waren da! Die Mila pflanzte und begoß und pflegte sie gemeinsam mit mir und sagte, wie die Blumen hießen, und lange Jahre meines Lebens wollte ich Gärtner werden. In diesem Garten bin ich immer sehr glücklich gewesen. Ein einziges Mal war ich sehr unglücklich, und das kam so: In der Zeit, in der es meinem Vater noch gut ging, hatten wir zu jedem Wochenende viele Gäste – berühmte Schauspieler und bekannte Schriftsteller, Maler, Bildhauer, Regisseure, Wirtschaftsleute, Politiker und wunderschöne Damen, die süß dufteten – so wie die Blumen im Garten. Das Haus war groß. Es hatte viele Zimmer. In ihnen verbrachten manche Gäste meiner Eltern diese Wochenenden. Es kamen Menschen aus der ganzen Welt, Menschen mit verschiedenen Religionen und Meinungen und Berufen. Natürlich gab es auch immer ein paar Schnorrer unter ihnen. Mein Vater meinte, man solle die Schnorrer schnorren lassen, denn sie seien so arm, und so gab er ihnen stets alles, worum sie ihn baten.

Im Sommer saßen unsere Gäste auf der Terrasse oder auf der Wiese hinter dem Haus in Korbsesseln, tranken und rauchten und sprachen über neue Bücher und neue Theaterstücke und neue Bilder, über Politik und Wirtschaft und Medizin und über hundert andere interessante Dinge. Und die Mila und die zwei „Madeln“, die ihr halfen, hatten viel zu tun. Alle Gäste waren sehr, sehr gute Freunde meiner Eltern. Nach dem „Schwarzen Freitag“ blieben plötzlich von diesen vielen sehr, sehr guten Freunden nur einige wenige übrig. Das konnte ich damals noch nicht so gut verstehen. Heute weiß ich, daß das immer so ist und so zu sein hat.