Eine Zeitschrift im musikalischen Untergrund

Vielleicht wird es, im Jahr 2020, eine Studie geben über unsere 80er Jahre. In der Studie wird von Spex die Rede sein müssen. Das war, wird man sagen, eine Musikzeitschrift; allerdings wird man einräumen, hatte Spex nie sehr viele Leser.

Jubiläen einer Kultur des Widerspruchs: Die Grünen werden zehn, und auch die taz kam 1979 heraus. Spex fing ein Jahr später an, monatlich. Jetzt, im März, erschien die hundertste Ausgabe. „Keiner freut sich, mit der Spex unterm Arm gesehen zu werden“, heißt es lakonisch im Editorial. Das gehört zum Stil.

Spex startete per Kopf-Sprung mit der Musik des Selbst- und Welthasses, dem Punk, tauchte unter der Neuen Deutschen Welle durch, rettete sich an die Gestade des Schwermetalls (Heavy Metal ), und steht nun mit einem Bein, also schwankend, im Flachland der neuen schwarzen Discomusik, von Hip-Hop und Acid-House.

Spex lebt von der Rockmusik. Allerdings schlecht. Die großen Plattenfirmen und Tourneeveranstalter inserieren sparsam, und das hat seinen Grund. Die Monatsschrift aus Köln orientiert sich nicht an den charts. Uneinholbar eilt sie dem Zeitgeschmack voraus.

Extremer noch als die features, in denen schon mal Berühmtheiten wie The Fall, The Cure oder Ice T ins Rampenlicht gerückt werden, sind die Plattenkritiken; 46 (!) Langspielplatten rezensiert allein die März-Nummer. Darin ist der bekannteste Künstler der LP-Kritik der vor kurzem gestorbene Country-Sänger Roy Orbinson (den der Kritiker „noch ein letztes Mal in purer barocker Pracht schluchzen“ läßt); selten gehört dagegen Bands wie NoMeansNo oder eine live-Produktion der Band „Sleep Chamber“, zu der der Rezensent anmerkt: „Außer einem Zettel als Cover keinerlei Angaben.“

Niemand kann sich all diese Platten zu ungewissen Preisen bei den vielfältigen obskuren Lieferanten bestellen. Was die Leser anzieht, ist nicht die Aufbereitung eines riesigen Angebots, sondern schlicht der Stil: selten formelhaft, weitgehend intellektuell, giftig, tabulos. Immer dialektisch, bis zur Lähmung: ob geliebt oder gehaßt, jede Musik, die überhaupt ins Blatt kommt, wird analysiert – bis hin zu abstrusen Implikationen.