Von Wolfgang Boller

Am zweiten und letzten Tag des Wetterkundeseminars in Trier wollte es die Frankfurter Sekretärin wissen, und zwar ohne wissenschaftliche Vorbehalte und gelehrte Umschreibungen – Tacheles, bitte: „Was haben Altokumulus und Altostratus für eine Bedeutung? Ändert sich das Wetter bei dieser Wolkenbildung, oder bleibt es, gibt’s Sonne oder Regen?“

Die Dame sprach den Seminaristen aus der Seele, denn die Teilnehmer lechzten nach Beispielen für die praktische Nutzanwendung. Was hat einer von noch so scharfsinnigen Analysen der brodelnden, brausenden und dampfenden Wetterwaschküche, wenn er beim Frühlingsspaziergang mit der Liebsten ein flaumzartes Wölkchen am Horizont nicht als untrügliches Anzeichen für einen bevorstehenden Wolkenbruch deuten kann?

Der Seminarleiter überspielt routiniert einen Anflug von Verzweiflung: Ingo Mainka, Dipl.-Met., belehrt sein Publikum seit 15 Jahren, insgesamt etwa 2000 Liebhabermeteorologen, Waldläufer, Rentner, Segelflieger, über die Kapriolen des Wettertheaters, die Gesetze der Auftritte, die Überraschungen improvisierter Drehbücher und die Launen der Primadonnen. Und am Schluß wollen die Anfänger nun wirklich an einem Wolkenbild das Wetter von morgen ablesen. Als wenn das so einfach wäre ...

Allein in Westdeutschland plagen sich ein Dutzend Wetterämter mit Prognosen. In der alle sechs Stunden fixierten Wetterkarte des Offenbacher Zentralamtes werden 30 000 Wettermeldungen von 7000 Bodenwetterstationen und von mehr als 1000 Meßsonden verarbeitet – mit dem Resultat einer Trefferquote von 85 Prozent über zwei und 60 Prozent über fünf Tage. Allerdings träfen auch willkürliche Prognosen (morgen das gleiche Wetter wie heute) in 60 Prozent der Aussagen zu.

„Im allgemeinen“, scherzt Ingo Mainka, „kann man sagen: Im Sommer ist es wärmer als im Winter.“ Der Chef des Trierer Wetteramtes läßt durchblicken, daß auch diese Erfahrung noch kein Lehrsatz der Meteorologie ist. Mainka leidet ein wenig unter dem latenten Vorwurf falscher Voraussagen. Bekanntlich ist nicht einmal auf die statistische Wahrscheinlichkeit der Singularitäten Verlaß: Fröste im Mai, die Schafskälte im Juni, Altweibersommer, Tau-Temperaturen zu Weihnachten.

Dem Wetter kann man nur mit gesicherten Erkenntnissen beikommen, mit den Meßwerten von Regenschreiber, Thermometer, Barometer, Taupunktfühler, Thermohygrograph, Parabolspiegel, Sonnenscheinautograph, wie sie im Vorgarten und auf dem Dach des Wetteramtes stehen.