Von Ulrich Horstmann

Das Gegenteil von gut ist gutgemeint; denn schon auf individueller Ebene läßt sich ein Problemfall am verläßlichsten dadurch in die Welt setzen, daß man dem vielversprechenden Aspiranten von Kindesbeinen an alle Probleme geflissentlich aus dem Wege räumt. Unsere abendländische Zivilisation besaß schon immer ein Faible für diese unfehlbare Methode, hat aber ihren rasenden theologischen Beglückungswillen nach ein paar herben Enttäuschungen gegen die fromme Milch der wissenschaftlichen Denkungsart eintauschen müssen.

Anfangs funktionierte auch hier die Transsubstantiation eingebildeten Heils ins ausgebildete Unheil wie geschmiert, weil jeder durch den Fortschritt bedingte Rückfall zum Motor neuer Fortschritte umkostümiert werden konnte. Je mehr Komplikationen, desto mehr Innovation, hieß die Devise. Und wie von selbst sollte sich das System bis zu jenem Punkt aufschaukeln, an dem sich der homo faber am Schopf seines Erfindungsreichtums aus dem Sumpf von Krankheit, Not und Tod herausgezogen haben würde.

Die Formel des Peccate fortiter, die niemand mehr verstand, hatte sich in den kategorischen Imperativ eines "Forscht, forscht, was das Zeug hält" verwandelt, den jedes Mitglied der Wissenschaftsgemeinde nur um den Preis seiner Exkommunikation aus den Augen verlieren durfte. Schließlich ging es um nichts weniger als "die endliche Abschaffung aller Probleme", das heißt die Wiedergeburt des Gartens Eden aus dem Geiste der Mathematik.

Die ersten Wechsel auf die ewige Seligkeit sind dem Christentum nach eineinhalb Jahrtausenden geplatzt; diese Laufzeiten werden die Schuldverschreibungen seines wissenschaftlichen Rechtsnachfolgers auch nicht annähernd erreichen. Es sieht vielmehr so aus, als gehe der "zweckfreien Forschung" ihre Glaubwürdigkeitskrise schon heute an die ersatzreligiöse Substanz. "Mit allem, was wir angefangen haben," resümiert Jürgen Dahl, "sind wir in die Absurdität des Gegenteils geraten: Mit dem Versuch, die Äcker fruchtbarer zu machen, haben wir sie fast zu Tode gefoltert. Mit dem Versuch, uns vor Feinden zu schützen, sind wir so nah wie möglich an den großen Waldbrand gekommen. In dem Bemühen, uns fortzubewegen, haben wir die Lebenswelt zerfetzt, in der sich fortzubewegen lohnend wäre. Das Bestreben, auch die Kommunikation zu beschleunigen, hat das sprachlose Geschwätz und die Blindheit vor den Bildern hervorgebracht. Der Versuch, zu heilen und zu helfen, gerät auf die unterschiedlichste Weise an die Grenzen der Unmenschlichkeit. Und indem wir die Welt immer weiter in Zahlen, Daten und Signale auflösen, um sie endlich zu ordnen, entgleitet sie uns immer mehr."

Das ist die ernüchternde Bilanz jener hochnotpeinlichen, inquisitorischen Befragung der Natur, deren Instrumentarien wir unermüdlich vervollkommnen, experimentell erproben und schließlich noch den Schulkindern in die Hände drücken, damit sie sich beizeiten an die Gewalttätigkeit gewöhnen, die die Humanisierung des Planeten – diese neuerliche Conquista im Zeichen des Besserwissens – nun einmal erfordert.

Wer seine Situation mit dem Argument weiter und weiter verschlimmert, daß man nur beherzt so weitermachen müsse wie bisher, um an jenen wundersamen Umschlagspunkt zu gelangen, an dem sich alle Schwierigkeiten in Wohlgefallen auflösen, dem wird man ein gestörtes Verhältnis zur Wirklichkeit bescheinigen. Jürgen Dahl spricht drastischer von einer Art Delirium, und sein neues Buch ist nichts anderes als der Versuch, uns die Augen zu öffnen für die Realität jenseits eines hochgerechneten Übermorgen und mediengestützter Autosuggestion.