Memelland – Schicksale einer Grenzregion in Ostmitteleuropa

Von Ulla Lachauer

Ein Märzentag 1939. Wie immer hat das barfüßige Madchen mit den Zöpfen die beste Aussicht. Von einem Sockel überblickt es den Memeler Theaterplatz, wo seit dem frühen Morgen Tausende von Menschen zusammenströmen. Vom Hafen dröhnen Sirenen, ubertont von einer Flugzeugstaffel. So etwas hat Annchen noch nie gehört. Und von uberall „Heil! Heil!“ wie aus einem Munde.

Viele Sprachen hat das Marjellchen im Ohr: memelländisch Platt, litauisch „klein“ und „groß“, das Kurisch der Fischer, jiddisch ... ein herrliches Kauderwelsch vor allem an Markttagen!... und berlinerisch im Sommer, wenn die Kurgaste auf die Nehrung übersetzen... das Russisch der Floßschiffer, polnisch und englisch aus den Holzkontoren ... französisch von der Kommandantur, aber das ist schon lange her... italienische Arien, wenn ein Fenster im Theater offenbleibt .. Musik, Tone in allen Klangfarben, mit Schifferklavier und Fiddel, litauische Dainos und deutsche Volkslieder, oft zu ihren Füßen... manchmal im Meschkinnis-Rausch und nicht selten ihr zu Ehren: Annchen von Tharau ist, die mir gefällt.

Niemals hat es in Memel ein Unisono gegeben. Und nun das „Siegheil! Wir danken unsrem Fuhrer!“ ... „Memeldeutsche! Volksgenossen!“ hört sie den Mann vom Balkon des Theaters donnern, „Volksgenossinnen! Im Namen des ganzen deutschen Volkes begrüße ich euch heute und freue mich, euch aufzunehmen in unser Großdeutsches Reich!“ Das Annchen ist die einzige, die dem Redner den Rucken zuwendet. Ihr Blick fällt – wie an jedem Tag – auf das Haus des Kaufmanns Cahn. Ännchen gilt als Memels Nationalheilige.

Auch in diesem Jahr feierte die Vertriebenengemeinschaft der Memelländer in der Bundesrepublik den 23. Marz als „Tag der Befreiung vom litauischen Joch“. Zu Deutschland habe man gewollt, egal ob Monarchie, Republik oder eben Diktatur. Und man beruft sich auf den Frieden vom Melnosee 1422, als sich der Deutsche Orden und der litauische Großfürst Vytautas auf eine Grenze einigten, die 500 Jahre verbindlich war: die älteste Grenze Deutschlands. Bis heute berufen sich die Nachfahren des Vytautas auf einen noch früheren Zeitpunkt. Vor 1422, vor 1252 noch, als der Bau der Ordensburg Memel begonnen wurde, habe hier eine litauische Burg gestanden mit dem Namen „Klaipeda“. Klaipeda ist heute die drittgrößte Stadt der litauischen Sowjetrepublik.

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