Memelland – Schicksale einer Grenzregion in Ostmitteleuropa

Von Ulla Lachauer

Ein Märzentag 1939. Wie immer hat das barfüßige Madchen mit den Zöpfen die beste Aussicht. Von einem Sockel überblickt es den Memeler Theaterplatz, wo seit dem frühen Morgen Tausende von Menschen zusammenströmen. Vom Hafen dröhnen Sirenen, ubertont von einer Flugzeugstaffel. So etwas hat Annchen noch nie gehört. Und von uberall „Heil! Heil!“ wie aus einem Munde.

Viele Sprachen hat das Marjellchen im Ohr: memelländisch Platt, litauisch „klein“ und „groß“, das Kurisch der Fischer, jiddisch ... ein herrliches Kauderwelsch vor allem an Markttagen!... und berlinerisch im Sommer, wenn die Kurgaste auf die Nehrung übersetzen... das Russisch der Floßschiffer, polnisch und englisch aus den Holzkontoren ... französisch von der Kommandantur, aber das ist schon lange her... italienische Arien, wenn ein Fenster im Theater offenbleibt .. Musik, Tone in allen Klangfarben, mit Schifferklavier und Fiddel, litauische Dainos und deutsche Volkslieder, oft zu ihren Füßen... manchmal im Meschkinnis-Rausch und nicht selten ihr zu Ehren: Annchen von Tharau ist, die mir gefällt.

Niemals hat es in Memel ein Unisono gegeben. Und nun das „Siegheil! Wir danken unsrem Fuhrer!“ ... „Memeldeutsche! Volksgenossen!“ hört sie den Mann vom Balkon des Theaters donnern, „Volksgenossinnen! Im Namen des ganzen deutschen Volkes begrüße ich euch heute und freue mich, euch aufzunehmen in unser Großdeutsches Reich!“ Das Annchen ist die einzige, die dem Redner den Rucken zuwendet. Ihr Blick fällt – wie an jedem Tag – auf das Haus des Kaufmanns Cahn. Ännchen gilt als Memels Nationalheilige.

Auch in diesem Jahr feierte die Vertriebenengemeinschaft der Memelländer in der Bundesrepublik den 23. Marz als „Tag der Befreiung vom litauischen Joch“. Zu Deutschland habe man gewollt, egal ob Monarchie, Republik oder eben Diktatur. Und man beruft sich auf den Frieden vom Melnosee 1422, als sich der Deutsche Orden und der litauische Großfürst Vytautas auf eine Grenze einigten, die 500 Jahre verbindlich war: die älteste Grenze Deutschlands. Bis heute berufen sich die Nachfahren des Vytautas auf einen noch früheren Zeitpunkt. Vor 1422, vor 1252 noch, als der Bau der Ordensburg Memel begonnen wurde, habe hier eine litauische Burg gestanden mit dem Namen „Klaipeda“. Klaipeda ist heute die drittgrößte Stadt der litauischen Sowjetrepublik.

Identität

Deutsch oder litauisch? Wem gehört das Memelland’ Diese Frage mundet zwangsläufig in eine Sackgasse. Denn alle Schriften sind vom Nationalgedanken durchdrungen, selbst Ausführungen über die unschuldige Geographie. „Es ist für den Memelstrom tragisch“, heißt es in der Heimatkunde von Kurschat, „daß er nur auf einem kurzen Teilstuck seines 879 Kilometer langen Laufes wirklich Memel heißt. Njemen nennen ihn die Russen. Nemunas die Litauer. Und wenn er bei Schmalleningken endlich den Namen Memel bekommt, wahrt dies Gluck nur bis Schanzenkrug, wo die Gilge abzweigt und sich die Memel in den Rußstrom verwandelt.“

Nun, die „Tragik“ dieses armen Stroms erfand erst der Nationalismus. Sein „kurzes Glück“ ist nichts weiter als der Provinzkomplex einer Grenzregion, die im Deutschen Reich kaum wahrgenommen wird. Vielleicht ist ja das Wesen dieses Stroms, daß er so viele Namen hat, sein Glück womöglich gar? Jedenfalls ist die Memel früher ein herrliches Stuck Strom, das Memelland das Gebiet um den Strom herum, weder geographisch noch politisch fest umrissen. Ein Land, das oft überschwemmt wird, mit vielen kargen Böden und einer Stadt mit einem eisfreien Hafen.

Wer aber war zuerst dort? Politisch ist die Frage so unsinnig, wie wenn sich Gilge und Ruß stritten, wer zuerst das Haff erreicht hat. Seit Jahrhunderten wohnten Deutsche und Litauer beisammen und um das Haff herum Reste der kurischen Urbevölkerung. Aber die herrschende Schicht war doch deutsch? Ja, aber was heißt deutsch? Der Adel spricht oft deutsch, aber längst nicht immer. Die Familien heiraten über Grenzen hinweg. Kriterien sind Lehensverhaltnisse und Besitz, Loyalitäten des Geblüts, der Religion, die Sprache weniger. Auch das Stadtbürgertum spricht häufig deutsch, aber das tun längst nicht alle.

Memels Geschichte ist voll von fremden Einflüssen. Schwedenkönig Gustav Adolf laßt nach sechs Jahren Herrschaft viele Soldaten da. Für 1664 ist der erste Jude urkundlich bezeugt. Sechzig Jahre spater kommen einige tausend Salzburger Protestanten ins Land. Auch in Memel leben Litauer. Vor allem in der ländlichen Unterschicht sind Deutsche und Litauer enge Nachbarn. Man vermischt sich über die Generationen, heiratet auch über die östliche Grenze hinweg.

Aber die „Kultur“ ging doch von Deutschen aus? Ja, die Dynamik der Entwicklung kommt von Westen, von den preußischen Herzogen und Königen. Doch sie anerkennen die nordostpreußische Gemengelage. Man fordert die Kultur des Litauischen: eine Bibelübersetzung, die auch den litauisch sprechenden Untertanen den rechten lutherischen Glauben bringt, Grammatiken, die Litauisch als Schriftsprache formen helfen, Literatur, die bei Herder höchste Bewunderung findet. Litauische Junglinge studieren auf Staatskosten in Königsberg. Donelaitis, der erste große Dichter litauischer Sprache, ist ein Kind der Albertina.

Vielsagend ist auch die Geschichte des Annchens. Ihr Schopfer, der Memeler Barockdichter Simon Dach, ist Sohn eines „Tolken“, eines „Amts- und Schloßdolmetschers für litauische Sprache“. Das Annchen ist eine von ihm verehrte Anna Neander aus Tharau bei Königsberg, eine verehelichte Partatius, der ein eingedeutschter Litauer ist und sich als Pfarrer um die litauische Sprache verdient macht.

„Preussisch-Litauen“ heißt das Gebiet nordlich des Pregel, die Kriegs- und Domänenkammer Gumbinnen die „litthauische“. Die Leute um Memel herum sind loyale Preußen. Was sonst? Die Zarenherrschaft über das Litauen jenseits der Grenze (seit 1795) laßt keine andere Sehnsucht aufkommen. Auch die Untertanen litauischer Zunge huldigen Königin Luise, als diese 1806/7 vor Napoleon in Memel Zuflucht sucht. Ethnographisch betrachtet aber sind die Leute um die Memel ein eigenes Volkchen. Ihre Sprachen, das Memellandisch-Platt und das Memellandisch-Litauisch (kleinlitauisch) sind eigen und berühren einander wie das Leben. Ihre Alltagskultur verkörpert eine Art „schwebendes Volkstum“.

Erst das Deutsche Reich etabliert das Deutsche als das Höherwertige, Zukunftstrachtige und Alleinseligmachende. Nationale Arroganz, verbunden mit einer repressiven Schulpolitik und dem Sog der Industrialisierung, der viele gen Westen zieht, schaffen einen Assimilierungsdruck, der den, der sich entzieht, erstmals zum Fremdling stempelt. Gleichzeitig und herausgefordert durch die neue deutsche Politik nabeln sich viele preußische Litauer von Deutschland ab.

Der Sprache nach ist der Stand im Memelland kurz vor dem Ersten Weltkrieg so: 51 Prozent geben als Muttersprache das Deutsche an, 48,1 das Litauische, also Memelländisch-Litauisch, 0,9 sonstige Sprachen. Viele sind zweisprachig. In der Stadt Memel ist das Deutsche mit 93 Prozent vertreten. In dieser Zeit, im Jahre 1912, wird auch die Ännchen-Statue aufgestellt. Das Ännchen wird – entgegen ihrer Geschichte – als deutsche Nationalheilige angesehen; ihr Denkmal ist das dritte deutsche, nach Wilhelm I. und der Borussia.

Spielball

Im Friedensvertrag von Versailles wird das Gebiet nördlich der Memel von Deutschland abgetrennt. Auf den Protest der Reichsregierung antworten die alliierten Hauptmächte: „Die Region ist immer litauisch gewesen. Die Mehrheit der Bevölkerung ist litauisch nach Ursprung und Sprache.“ Ethnisch stimmt die Behauptung der Alliierten ebensowenig wie das Gegenteil. Politisch widerspricht sie dem Willen der Mehrheit der Bevölkerung.

Letztlich geht es nicht um das Memelland und schon gar nicht um sein Selbstbestimmungsrecht. „Die Tatsache, daß die Stadt Memel selbst zu großen Teilen deutsch ist, rechtfertigt nicht das Verbleiben der ganzen Region unter deutscher Oberhoheit, besonders weil der Hafen von Memel Litauens einziger Zugang zum Meer ist.“ Es geht den Siegern also um ein lebensfähiges Litauen, aus Sympathie für die junge Nation, mehr noch aus dem Kalkül, ein Bollwerk gegen den Bolschewismus zu schaffen. Vorerst aber wird das Land nördlich der Memel alliierter Oberhoheit unterstellt. 1920 zieht General Odry mit einer kleinen französischen Truppe in Memel ein und bezieht direkt gegenüber dem Theater Quartier. Die Franzosen machen dem Ännchen den Hof und haben auch sonst allerlei Sympathie für die Schön- und Eigenheiten des Landes.

Der schmale Streifen jenseits der Memel wird nun „Memelgebiet“ genannt, ein winziger, provisorischer Staat mit etwa 150 000 Einwohnern, einem eigenen Budget und einer 260 Kilometer langen Zollgrenze. Zur Wahrung ihrer Interessen gründen die Memelländer einen „Deutsch-litauischen Heimatbund“. Er will aus der Not eine Tugend machen und propagiert einen memelländischen Freistaat. Eine Volksabstimmung wird zwar verboten, aber eine Unterschriftensammlung ergibt eine große Mehrheit dafür. Nur eine kleine Gruppe national gesinnter Litauer, die etwa 10-15 Prozent der Bevölkerung vertritt, agitiert für einen Anschluß an Litauen. Die Memeler Wirtschaftsverbände rechnen 1921 der Botschafterkonferenz in Paris vor, daß das Gebiet auch wirtschaftlich autark sein könnte. Keine „Notlösung“, wie man später schamhaft sagen wird, nein, eine wirkliche Lösung, ein Traum sogar: von einer gesunden „Memelmark“ ohne Reichsinflation, von einem immer vollen Freihafen, von warmem Zollregen und historischer Bedeutung und dem Ännchen als Staatsgöttin ... und dem riesigen Vorteil, der lebensfremden Frage „deutsch oder litauisch?“ ausweichen zu können.

Während sie noch träumen, greift Litauen der Entscheidung der Alliierten vor und annektiert 1923 das Memelgebiet manu militari. Die Franzosen kapitulieren. Niemand denkt ernstlich daran, das fait accompli in Frage zu stellen. Auch das Deutsche Reich, durch den Ruhrkampf mit Frankreich gebunden, verhält sich still.

Tritt Litauen im Memelgebiet wirklich als das schreckliche Monster auf, das die Bevölkerung Hitler in die Arme treibt? Oder als rettender Engel, wie es sich damals selber darstellt? Als Unglücksrabe wohl am ehesten: Der junge Staat kommt über die Geburtswehen nie hinaus. Ihm ist das Herz herausgerissen, seit Polen 1920 das Wilna-Gebiet annektiert hat. Den Verlust soll nun das Memelgebiet ausgleichen. Das arme Randgebiet Preußens wird zum reichsten Teil des noch ärmeren Litauens – Rettungsanker des 2,5-Millionen-Volkes und sein Pfahl im Fleisch zugleich.

Ein historisches Experiment, sorgsam beobachtet vom Völkerbund. Die Alliierten haben das Ländchen mit sehr weitgehenden Minderheitenrechten ausgestattet. „Das Memelgebiet bildet unter der Souveränität Litauens eine Einheit, die in Gesetzgebung, Rechtsprechung, Verwaltung und Finanzen ... Autonomie genießt.“ (Art. 2 der Memelkonvention). Wer will, kann für Deutschland optieren. 10 Prozent tun es, 14 000 Menschen, Städter zumeist, Beamte, Akademiker, qualifizierte Facharbeiter, die im Reich bessere Chancen haben. Dem Aderlaß folgt ein Zustrom aus Großlitauen, meist in die Stadt hinein, rund 20 000 Menschen, darunter viele Juden.

Gleich zu Anfang setzt die litauische Regierung ein Zeichen ihrer Souveränität: Wilhelm I. und die Borussia müssen vom Sockel und in den Feuerwehrhof, das Ännchen als Kulturdenkmal darf bleiben. Auch die Memelländer setzen nationale Akzente. Zur ersten Landtagswahl 1925 schließen sich die beiden großen Parteien zu einer deutschen Einheitsfront zusammen und erringen über 80 Prozent Stimmen. Die Landtagsmehrheit nutzt das Minderheitsstatut offensiv und geht mehrmals vor den Gerichtshof im Haag.

Das Memelstatut sieht zum Beispiel eine Gleichberechtigung der beiden Amtssprachen vor. Das heißt nach Lage der Dinge eine Aktivierung des Litauischen, besonders in Memel-Stadt. Deutsche Beamte sollen also Litauisch lernen, in den Schulen wird der Litauischunterricht verstärkt. Doch viele Staatsdiener weigern sich strikt. Bahnhöfe tragen nur noch litauische Namen. Aber auch viele memelländische Litauer beschweren sich über die Einführung des ihnen fremden Großlitauisch und die Bevorzugung von Großlitauern bei Neueinstellungen. „Litauisierung“, klagt der Landtag, „germanische Überheblichkeit“ der litauische Gesandte im Haag.

Seit dem Putsch von 1926 regiert der neue Präsident Smetona das Land unter Kriegsrecht. Aber das Autonomiestatut bleibt bestehen. Und immer noch gibt es eine größere, wenn auch nicht organisierte Gruppe, die memelländisch und weltläufig denkt: unter den Kleinlitauern und den deutschen Sozialdemokraten, unter den Landpfarrern und den Männern der Memeler Loge und in der reichsdeutschen Künstlerkolonie in Nidden.

Viel schwieriger als die politischen sind die ökonomischen Probleme. Das Memelgebiet zahlt mehr ins Staatssäckel, als es zurückbekommt. In Memel geht ein Holzunternehmen nach dem anderen in Konkurs, weil Litauen die Memel für den polnischen Erzfeind sperrt und damit die Händler und Verarbeiter von ihrem Hauptlieferanten abgeschnitten sind. Auch der agrarische Absatz stockt. Litauen ist getrennt vom russischen Markt, das Memelgebiet durch eine Zollbarriere vom ostpreußischen. So machen sich zwei Agrarüberschußgebiete im Inland Konkurrenz. Die Erzeugerpreise fallen. Die Bauern schmieren ihre Wagenräder mit Butter. Die Fischer werfen des öfteren ihren Fang zurück ins Haff.

Schmuggel und kleiner Grenzverkehr verschaffen Erleichterung, aber sie machen auch das Gefälle zum Westen schmerzlich sichtbar. Jedes Wochenende wälzen sich die Tilsiter über die Luisenbrücke nach Übermemel, um sich an billiger Torte satt zu essen. Jeden Sommer besuchen mehr deutsche Kurgäste die Nehrung, wo sie selbst zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise herrlich und in Freuden leben. Wohlstand und Flair der Berliner und Königsberger wecken Sehnsüchte, vor allem unter den Jungen. Unschwer auszumalen, was passiert, wenn das Feuer von außen geschürt wird.

Gewalt

Nach dem 30. Januar 1933 entsteht unter dem Decknamen „Christlich-Soziale Arbeitsgemeinschaft“ (CSA) eine nationalsozialistische Partei. Ihr Anführer ist der Pfarrer Theodor Freiherr von Saß, ein Haudegen und Trunkenbold, wie viele sagen, der wie Gregor Straßer antikapitalistische Emotionen schürt und unter den Hafenarbeitern viele Verehrer hat. Zum Schrecken der bürgerlichen Honoratioren erringt er bei der Wahl zum Stadtparlament im Mai ’33 fast die Hälfte der Stimmen.

Also bitten die bürgerlichen Parteien einen eigenen Kandidaten auf die Bühne, den Tierarzt Dr. Ernst Neumann, einen Mann von seriösem Lebenswandel und ein braver Befehlsempfänger. Er gründet unter dem Namen „Sozialistische Volksgemeinschaft“ (Sovog) eine zweite Partei. Ein Bruderkampf entbrennt, der kurzentschlossen vom Reich entschieden wird. Rudolf Heß und der ostpreußische Gauleiter Erich Koch sind für Neumann. In Memel fordert der neue Vizekonsul Dr. Strack Saß-Anhänger mit der Waffe auf, zu Neumann zu wechseln.

Die Regierung Smetona reagiert panisch. CSA und Sovog werden verboten, mehr als hundert ihrer Anhänger verhaftet und in Kaunas (Kowno) vor Gericht gestellt. Die Akten offenbaren, wie stürmisch es damals zugegangen sein muß: militärische Übungen, Terror gegen litauische Bauern, ein Fememord, Waffenkäufe. Kein organisierter Aufstandsversuch, wie behauptet, aber das Reich wird als Drahtzieher deutlich. Die Strafen sind hart, auch wenn die vier Todesurteile in lebenslänglich verwandelt werden.

Das Urteil verschärft die Polarisierung. Von nun an ist es schwer, sich der Frontstellung „deutsch oder litauisch?“ zu entziehen. Doch es gibt sie immer noch, die Gruppe der Grenzgänger. Ein Nachkriegsprozeß hat einen kleinen Lichtkegel auf sie geworfen. 1950 klagt ein Jonas Grigoleitis auf Entschädigung für fünfjährige KZ-Haft. Grigoleitis, ein Memelländer aus der Gegend von Heydekrug, ist 1934/39 Chefredakteur des Baltischen Beobachters, einer deutschsprachigen Memeler Zeitung, die zwar dem litauischen Verlag Rytas gehört, aber politisch unabhängig ist. In der Redaktion haben deutsche Emigranten Zuflucht gefunden, Juden wie politisch Verfolgte. Zusammen mit memeldeutschen und kleinlitauischen Journalisten versorgen sie nicht nur das Memelland, sondern ganz Litauen mit Nachrichten aus der demokratischen Welt und klären über den wahren Charakter des Hitler-Regimes auf. Dieses Stück Öffentlichkeit zeigt, daß das Memelgebiet, selbst mit eingeschränkter Autonomie, auch eine Insel der Freiheit ist, freier als Deutschland und freier als der Rest Litauens.

Doch die westdeutsche Nachkriegsjustiz wiederholt borniert die nationale Frontstellung der dreißiger Jahre. Grigoleitis wird nicht als Nazi-Gegner anerkannt, sondern nur als „Nationalgeschädigter“. Sein Widerstand gilt als „deutschfeindlich“ und prolitauisch motiviert. Ein Dr. Neumann dagegen wird im Entnazifizierungsverfahren als Mitläufer eingestuft, weil er glaubhaft machen kann, daß er nicht für Hitler, sondern nur für Deutschland war.

Im Reich inszeniert man damals Proteste gegen die „Bluturteile“ von Kaunas. Hitler droht Litauen öffentlich. Nach dem großen Auftritt wird es erst einmal ruhig, äußerlich ruhig. Kalt und berechnend umgarnt Hitler die Beute. Er lockt Litauen mit einem Warenabkommen, bietet einen Nichtangriffspakt an, immer gegen Zugeständnisse in der Memelfrage.

Litauen ist Spielball fortan. Im Sommer 1938 wird Dr. Neumann als einer der letzten Verurteilten vorzeitig aus dem Zuchthaus entlassen und empfängt nun unmittelbar Anweisungen aus Berlin. Als Hitler während der Sudetenkrise im Sportpalast erklärt, er habe keine anderen Gebietsansprüche mehr, beweist die Regierung Smetona ihre Dankbarkeit durch einen fast selbstmörderischen Akt: Sie hebt zum 1. November 1938 das Kriegsrecht auf. Die Nazis feiern schamlos ihren Sieg: In einem Fackelzug mit Dr. Neumann an der Spitze ziehen sie durch die Stadt. Binnen kurzem entstehen im Memelgebiet fast reichsdeutsche Verhältnisse: Ein „Ordnungsdienst“, eine Art Hitlerjugend, entsteht. „Juden verlassen fluchtartig das Memelgebiet“, notiert am 25. November 1938 der Legationsrat Grundherr. „Litauische Behörden unsicher und ängstlich.“

Noch einmal wird Dr. Neumann zurückgepfiffen. Im Dezember 1938 empfängt ihn Hitler und sichert ihm den „Anschluß“ für März/April kommenden Jahres zu. Inzwischen funkt Litauen SOS nach London und Paris. Die Westmächte unternehmen zwar eine Demarche in Berlin, doch der britische Außenminister Halifax gibt gleichzeitig zu Protokoll, daß man sich einer Annexion des Memelgebietes nicht widersetzen würde.

Als Hitler am 15. März 1939 Prag besetzen läßt, werden in Memel die Hakenkreuzflaggen gehißt. Eine Woche später zitiert Reichsaußenminister von Ribbentrop seinen litauischen Kollegen Urbsys nach Berlin und fordert zur „freundschaftlichen Rückgabe“ des Memelgebiets auf, andernfalls ... Ministerrat und Sejm in Kaunas beugen sich dem Ultimatum. Noch während die Minister in Berlin verhandeln, besteigt Hitler in Swinemünde das Panzerschiff „Deutschland“ in Richtung Memel. Am Morgen des 23. März gegen 8.00 Uhr verkündet der Reichssender Königsberg: „Litauen hat freiwillig auf das Memelgebiet verzichtet.“

Schuld

Ein Jubeltag, auch im nachhinein? Wer von den auf dem Theaterplatz Versammelten wirft einen Blick in das Haus des jüdischen Kaufmanns Cahn? Ist er schon fort? An diesem Tag und an den folgenden Tagen geht der Exodus der Juden zu Ende. Zusammen mit den Litauern fliehen sie nach Osten über die Grenze. Wir wissen kaum etwas über sie, weder über ihr Leben vor 1939 noch danach, noch über den Tod, der die meisten trifft. Ein wenig nur über die etwa 2500 alteingesessenen jüdischen Bürger, so gut wie nichts über die sechs- oder siebentausend neuzugewanderten aus dem litauisch-polnischen Raum, die fremd sind in der Stadt. Drei Synagogen soll es gegeben haben, eine deutsche, eine litauisch-russische und eine polnische, mehrere Schulen, ein Krankenhaus, eine Mikwe (rituelles Tauchbad) und in den dreißiger Jahren zwei Kibbuzim auf Gütern in der Umgebung. Einige Überlebende, meist aus der reichen Oberschicht, sind namentlich bekannt. Sie sind nach Palästina, Amerika oder Kanada emigriert.

„Ich war stolz“, wird nach dem Krieg der damalige Oberbürgermeister Dr. Brindlinger erklären, „daß bei diesem Auszug die Memeler sich würdig und ohne Gehässigkeit benahmen. Meiner Kenntnis nach ist nicht ein einziger Jude behelligt worden.“ Diese Version hat sich die Landsmannschaft zu eigen gemacht. Wir Memeler, heißt es immer, waren „korrekt“, alles andere sei von den „Reichsgermanen“ und dazu auf fremdem Territorium geschehen. Es scheint, daß bei vielen Ostdeutschen das Leid der eigenen Vertreibung die Erinnerung an und das Mitleid für die jüdischen Bürger zugedeckt hat.

An jenem 23. März 1939 geht das Memelland in seiner Eigenart unter. Die litauische Sprache wird verboten, Andersdenkende werden verfolgt. Im Rückblick erscheint es wie ein Menetekel: Nach dem 23. März verschwindet das Ännchen. Sie wird auf dem Libauer Platz, nun Hindenburgplatz, abgestellt. An ihre Stelle auf dem Theaterplatz tritt eine Hitlerbüste.

Dem Jubel folgt der Katzenjammer. Statt der erhofften Aufwertung der Provinz die Entmündigung durch zugereiste Bonzen. Statt Investitionen in den Memeler Hafen und für die notleidende Landwirtschaft Kriegswirtschaft, Arbeitsdienst und Fronteinsatz. Der Überfall auf Polen wird im Grenzland eher skeptisch aufgenommen. Ebenso der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt. Ihn begleiten hartnäckige Gerüchte, Stalin habe Ansprüche auf das Baltikum angemeldet, vielleicht sogar auf mehr. In amtlichen Lageberichten tauchen Befürchtungen aus Memeler Kreisen auf, Hitler wolle sogar das Memelgebiet preisgeben – wie im Sommer schon Südtirol an Mussolini. Merkwürdig sind die Berichte einiger Augenzeugen: Als sowjetische Truppen im Sommer 1940 Litauen besetzen, hätten sie die Grenze zum Memelgebiet überschreiten wollen. Der Memeler Polizeichef Böttcher habe mit ihnen verhandelt, erst ein Anruf in Berlin und Moskau habe die Lage geklärt.

1940/41 sind die Memelländer Zeugen vieler Verbrechen, die für andere Deutsche fern im Osten stattfinden: der Flucht vieler Litauer vor den Terror Stalins, der sogenannten „Umsiedlung“ der Deutschbalten ins Reich, des Aufmarsches für den Rußlandfeldzug und – der großen Massaker an Juden und litauischen Kommunisten im deutsch-litauischen Grenzgebiet. In den ersten Monaten des Rußlandkrieges werden hier 350 000 Menschen von den Einsatzgruppen der SS ermordet Nicht nur in Ponary bei Vilnius (Wilna) und im Fort IX von Kaunas, auch ganz nahe bei. Wie eine blutige Schnur ziehen sich die Tatorte an der memelländischen Grenze entlang (siehe Karte auf Seite 50). Die Memelländer erfahren nicht nur davon, manche fahren dorthin zum Gaffen. Und einige sind selber als Täter beteiligt.

Die Frechheit eines Mörders hat es an den Tag gebracht. Ein Mann, der unter falschem Namen lebt, Leiter eines Flüchtlingslagers in Ulm, klagt Mitte der fünfziger Jahre auf Wiedereinstellung in den Polizeidienst. Eine ehemalige Telephonistin aus Memel erkennt ihn wieder: Fischer-Schweder, „der Satan“, Memels Polizeidirektor in den Jahren 1941/44. Aus den Recherchen entsteht der vielbeachtete „Ulmer Einsatzgruppen-Prozeß“, der erste große NS-Prozeß überhaupt. Schutzpolizisten aus Memel und Tilsit sowie einige Grenzpolizeiposten haben „im Zuge der Amtshilfe“ bei den Massakern mitgewirkt. Selbst Zollaufsichtsstellen sind verwickelt. Laugallener Zöllner bewachen die Opfer in der Nacht vor der Exekution. Nicht selten kennen die Täter einzelne ihrer Opfer, denn im Grenzgebiet haben viele Memeler Juden Zuflucht gesucht. Ein Zeuge: Oberwachtmeister K. habe ihm erzählt, er hätte auf einen Freund, den jüdischen Seifenfabrikanten Feinstein, schießen müssen. Feinstein habe ihm zugerufen: „Schieß gut, Gustav!“, was ihn sehr bewegt habe.

In einem späteren Prozeß wird ein Heydekruger Gutsbesitzer und Kinderarzt, Dr. Werner Scheu, vom Bundesgerichtshof zu lebenslanger Haft verurteilt. Er ist 1941 mit seinem SS-Reitersturm bei den Massentötungen in Neustadt beteiligt und selektiert arbeitsfähige Juden für den Einsatz im Kreis Heydekrug. Den „Judenkönig“ heißt man ihn, weil er mehreren Zwangsarbeitslagern vorsteht. Diese Prozesse beweisen übrigens auch, daß viele Litauer unter den Tätern sind. In diesem Jahr 1941 beginnt ein neues Kapitel deutsch-litauischer Beziehungen: die Verstrickung in Schuld.

An diesen Kriegssommer wird sich später ein Dichter besonders intensiv erinnern: der Tilsiter Johannes Bobrowski. „Zu schreiben habe ich begonnen am Ilmensee, 1941, über russische Landschaft, aber als Fremder, als Deutscher. Daraus ist ein Thema geworden, ungefähr: die Deutschen und der europäische Osten. Weil ich um die Memel herum aufgewachsen bin, wo Polen, Litauer, Russen, Deutsche miteinander lebten, unter ihnen all die Judenheit. Eine lange Geschichte aus Unglück und Verschuldung seit den Tagen des Deutschen Ordens, die meinem Volk zu Buch steht. Wohl nicht zu tilgen und zu sühnen, aber eine Hoffnung wert und einen redlichen Versuch in deutschen Gedichten.“

Bobrowski ist der einzige, der nach dem Krieg über diese Region eine wahrhaftige Heimatgeschichte schreiben wird, viele Gedichte und einen Roman mit dem Titel „Litauische Claviere“. Dieser Roman, sein letzter, erzählt die verrückte Geschichte zweier Männer, die im Sommer 1936 mit der Kleinbahn von Tilsit nach Willkischken fahren, um dort Anregungen für eine Oper über den Dichter und Klavierbauer Donelaitis zu sammeln – den Zeiten zum Trotz. Bobrowski selber besieht das Land seiner Kindheit ein letztes Mal im April 1943. Er heiratet in Willkischken – den Zeiten zum Trotz – die Kleinlitauerin und Bauerntochter Johanna Buddrus.

Exodus

Bis zum Sommer ’44 ist die Front nur über die Wochenschau und Feldpostbriefe erfahrbar. Den Evakuierten aus Berlin und dem Ruhrgebiet kommt Ostpreußen wie eine Friedensinsel vor. Ein Jahrhundertsommer! werden später viele sagen. Die letzte Ernte ist Frauensache. Außer den Fremdarbeitern sind nur noch wenige Männer da. Die noch laufen können, werden nach dem Attentat auf Hitler zum Ostwallbau und zum Volkssturm einberufen. Anfang August ’44, als russische Panzer nach Kurland vorstoßen, ergeht ein erster, überstürzter Räumungsbefehl. Zusammen mit Herden von Großvieh flieht die Landbevölkerung über die Memel in die Kreise Elchniederung und Labiau. Vierzehn Tage später ist Entwarnung; die meisten kehren zurück, um Kartoffeln zu ernten und den Roggen, der schon treibt, und die Wintersaat aufs Feld zu bringen.

Während in der Stadt Memel systematisch evakuiert wird, zögert Gauleiter Koch in den Landkreisen den Räumungsbefehl bis nach dem Durchbruch der Roten Armee Anfang Oktober hinaus. Ende Januar 1945 fällt die Festung Memel. In den Kämpfen ist auch das Ännchen gefallen. Niemand weiß, wann und wie.

Die Memelländer gehören zu denen, die am höchsten für den Faschismus bezahlt haben: 15 000 bis 20 000 Menschen, schätzt später die Schieder-Kommission, kommen 1944/45 in den Kämpfen um. 30 000 etwa bleiben im Memelland hängen oder kehren dorthin zurück, nachdem sie weiter westlich von der Front überrollt worden sind. Dazu gehören auch Kriegsheimkehrer und solche, die sich später auf sowjetische Versprechungen hin aus der Sowjetzone, manchmal auch aus den Westzonen, repatriieren lassen.

Bis heute ist diese Zeit ein weißer Fleck in der Geschichte – ein Niemandsland, eine Niemandszeit. Im Winter 1945/46 sollen die letzten Elche von Hungrigen erlegt worden sein. Und zum ersten Mal seit Jahrzehnten habe man wieder Wölfe gesehen Ende der fünfziger Jahre werden einige der 10 000 Spätheimkehrer davon erzählen, einsilbig, oft in gebrochenem Deutsch, vor einer satten, nicht sehr interessierten Wirtschaftswundergesellschaft: von Angst und Kälte, von den Litauern und Russen, die damals zuwandern, von den Stalinschen Deportationen, die Memelländer und Litauer in Sibirien vereinen.

Ungefähr 50 000 Memelländer verschlägt es nach dem Krieg in die Westzonen (etwa 30 000 in die sowjetische Besatzungszone). Das sind weniger als die gut 60 000 emigrierten Litauer, von denen allerdings die meisten nach Übersee weiterwandern. Zwischen den beiden Gruppen gibt es manche Überschneidungen, noch immer fließende Identitäten: litauischsprechende Memelländer, die sich um der besseren Rationen und der bevorzugten Auswanderung willen in Lager für litauische DP’s (displaced persons) einweisen lassen; deutschsprechende Litauer, die sich den Deutschbalten anschließen; Kleinlitauer, die sich aus Haß auf die Nazis zur litauischen Exilbewegung bekennen; Mörder auch, die ihre Zweisprachigkeit zum Identitätswechsel benutzen.

Die meisten der Memelländer haben es besonders schwer, im Westen Fuß zu fassen. Als Bauern, Fischer, traditionale Handwerker haben sie kaum berufliche Anknüpfungsmöglichkeiten. Die Kluft zwischen der alten und der neuen Lebenswelt ist groß. Viele verbergen unter dem Anpassungsdruck der Einheimischen ihre Fremdheit, verleugnen die litauische Sprache und Kultur.

Anfangs nehmen noch viele die Hilfe der Landsmannschaft bei der Familienzusammenführung und beim Lastenausgleich in Anspruch. Aber schon Mitte der fünfziger Jahre sind die organisierten Memelländer eine kleine, verlorene Gemeinde. Sie gehören zur Landsmannschaft Ostpreußen, aber wegen der Besonderheit ihrer Geschichte als selbständige Arbeitsgemeinschaft. Viele ehemalige Volkstumskämpfer haben sich hier wiedergefunden, darunter einige wenige echte Nazis. Man pflegt in schlechter Tradition die Feindschaft zu den Litauern und der nationallitauischen Gruppe in der Bundesrepublik. Im Memeler Dampfboot, der Heimatzeitung, marschiert immer noch der Deutsche Orden gegen die Großfürsten. Den Jüngeren könnte ein Samurai-Film nicht exotischer sein. Klaipeda? Ein Ort ferner als der Mond. Ännchen von Tharau? Ein Liebeslied für alte Jungfern.

Perestrojka

Im Herbst 1987 wird das ehemalige Memelgebiet für Besucher aus der Bundesrepublik geöffnet. Nicht ohne Bangigkeit erwartet Klaipeda die ersten „Heimwehtouristen“. Aber es geht gut. Freundlichkeit und Neugier auf beiden Seiten. Der litauische Frühling ist gastlich und anregend, und er hat die alten Fronten gen Westen erweicht. Nicht ohne Absicht führt Intourist die Besucher über Vilnius und Kaunas; die meisten der Vertriebenen sind früher nie dort gewesen. Pracht und Charme dieser Städte flößt so manchem neue Achtung vor der litauischen Kultur ein.

Bei der Suche nach den Elternhäusern kommt oft Bitterkeit hoch, aber auch so etwas wie Genugtuung darüber, daß sie, die Vertriebenen, in der neuen Heimat einen größeren Wohlstand erwerben konnten. Wer kann, bedient sich der litauischen Sprache.

Besonders erfreut sind die Gäste, daß die deutsche Altstadt von Klaipeda mit großer Sorgfalt restauriert wird, eine bewußte Entscheidung, sich der deutschen Geschichte zu stellen. Das ist durchaus nicht selbstverständlich. Fast alle der 200 000 Einwohner von Klaipeda sind Neubürger. Auch unter den 4000 Deutschstämmigen sind kaum Altmemeler. Es sind Deutsche, die der Krieg herumgetrieben und mit litauischen oder russischen Partnern verbunden hat.

Oft fragen die Stadtplaner von Klaipeda Besucher um Rat: Wie dieses oder jenes Haus ausgesehen hat, wie man Kurenkähne instand setzt, oder ob es noch alte Pläne über die Verlängerung der Molen gibt. Warum zum Beispiel hat die alte Backsteinpost im ersten Stock solch repräsentative Räume? Wie können die Klaipedaer ahnen, daß die treuen Memeler hier ein Refugium für die preußische Königsfamilie bereitet haben, damit sie im Falle eines Falles nicht so provisorisch untergebracht ist wie seinerzeit Königin Luise.

„Wo aber bleibt das Ännchen?“ fragt eines Tages ein besonders rühriger Besucher, Heinz Radziwill, ein Masure, als Reiseleiter schon fast Dauergast in der Stadt. Am 13. Juni 1988 gibt er der Tarybines Klaipedos ein Interview, worin er erklärt, daß zur originalgetreuen Restauration des Theaters auch das Ännchen auf dem Vorplatz gehört. Eine Leserdiskussion entspinnt sich. Architekten, Hausfrauen, Straßen- und Betriebsgemeinschaften melden sich zu Wort. Wer eigentlich ist das Ännchen? Eine Deutsche? Eine Litauerin? Wie auch immer, alle sind für ihre Rückkehr.

Radziwill verspricht, die Finanzierung zu übernehmen. Zurück im Westen, gründet er einen Verein „Ännchen von Tharau e.V.“ zur Förderung der Völkerfreundschaft. Auch die AG der Memelländer zieht mit, einige Exillitauer ebenfalls – undenkbar noch vor Jahren! Jenseits der Memel (des Nemunas, des Njemen) gründet sich ebenfalls eine Initiative für deutsch-litauische Freundschaft, ebenfalls ein privater Verein, der angefangen hat, die verwilderten Friedhöfe zu pflegen.

Wenn im November dieses Jahres in Klaipeda das alte Theater wiedereröffnet wird, sind auch 200 deutsche Gäste zur Premiere geladen. Sie fahren mit einem Touristendampfer, einem polnischen vermutlich, von Travemünde los und bringen das Ännchen mit.

  • Deutsche und Litauer aus dem Memelland und im Memelland freuen sich über jede Spende für das neue Ännchen-Denkmal; Spendenkonto: „Ännchen von Tharau e.V.“, Stadtsparkasse Dortmund, BLZ 440 501 99, Konto-Nummer 161 013 900.