Tritt Litauen im Memelgebiet wirklich als das schreckliche Monster auf, das die Bevölkerung Hitler in die Arme treibt? Oder als rettender Engel, wie es sich damals selber darstellt? Als Unglücksrabe wohl am ehesten: Der junge Staat kommt über die Geburtswehen nie hinaus. Ihm ist das Herz herausgerissen, seit Polen 1920 das Wilna-Gebiet annektiert hat. Den Verlust soll nun das Memelgebiet ausgleichen. Das arme Randgebiet Preußens wird zum reichsten Teil des noch ärmeren Litauens – Rettungsanker des 2,5-Millionen-Volkes und sein Pfahl im Fleisch zugleich.

Ein historisches Experiment, sorgsam beobachtet vom Völkerbund. Die Alliierten haben das Ländchen mit sehr weitgehenden Minderheitenrechten ausgestattet. "Das Memelgebiet bildet unter der Souveränität Litauens eine Einheit, die in Gesetzgebung, Rechtsprechung, Verwaltung und Finanzen ... Autonomie genießt." (Art. 2 der Memelkonvention). Wer will, kann für Deutschland optieren. 10 Prozent tun es, 14 000 Menschen, Städter zumeist, Beamte, Akademiker, qualifizierte Facharbeiter, die im Reich bessere Chancen haben. Dem Aderlaß folgt ein Zustrom aus Großlitauen, meist in die Stadt hinein, rund 20 000 Menschen, darunter viele Juden.

Gleich zu Anfang setzt die litauische Regierung ein Zeichen ihrer Souveränität: Wilhelm I. und die Borussia müssen vom Sockel und in den Feuerwehrhof, das Ännchen als Kulturdenkmal darf bleiben. Auch die Memelländer setzen nationale Akzente. Zur ersten Landtagswahl 1925 schließen sich die beiden großen Parteien zu einer deutschen Einheitsfront zusammen und erringen über 80 Prozent Stimmen. Die Landtagsmehrheit nutzt das Minderheitsstatut offensiv und geht mehrmals vor den Gerichtshof im Haag.

Das Memelstatut sieht zum Beispiel eine Gleichberechtigung der beiden Amtssprachen vor. Das heißt nach Lage der Dinge eine Aktivierung des Litauischen, besonders in Memel-Stadt. Deutsche Beamte sollen also Litauisch lernen, in den Schulen wird der Litauischunterricht verstärkt. Doch viele Staatsdiener weigern sich strikt. Bahnhöfe tragen nur noch litauische Namen. Aber auch viele memelländische Litauer beschweren sich über die Einführung des ihnen fremden Großlitauisch und die Bevorzugung von Großlitauern bei Neueinstellungen. "Litauisierung", klagt der Landtag, "germanische Überheblichkeit" der litauische Gesandte im Haag.

Seit dem Putsch von 1926 regiert der neue Präsident Smetona das Land unter Kriegsrecht. Aber das Autonomiestatut bleibt bestehen. Und immer noch gibt es eine größere, wenn auch nicht organisierte Gruppe, die memelländisch und weltläufig denkt: unter den Kleinlitauern und den deutschen Sozialdemokraten, unter den Landpfarrern und den Männern der Memeler Loge und in der reichsdeutschen Künstlerkolonie in Nidden.

Viel schwieriger als die politischen sind die ökonomischen Probleme. Das Memelgebiet zahlt mehr ins Staatssäckel, als es zurückbekommt. In Memel geht ein Holzunternehmen nach dem anderen in Konkurs, weil Litauen die Memel für den polnischen Erzfeind sperrt und damit die Händler und Verarbeiter von ihrem Hauptlieferanten abgeschnitten sind. Auch der agrarische Absatz stockt. Litauen ist getrennt vom russischen Markt, das Memelgebiet durch eine Zollbarriere vom ostpreußischen. So machen sich zwei Agrarüberschußgebiete im Inland Konkurrenz. Die Erzeugerpreise fallen. Die Bauern schmieren ihre Wagenräder mit Butter. Die Fischer werfen des öfteren ihren Fang zurück ins Haff.

Schmuggel und kleiner Grenzverkehr verschaffen Erleichterung, aber sie machen auch das Gefälle zum Westen schmerzlich sichtbar. Jedes Wochenende wälzen sich die Tilsiter über die Luisenbrücke nach Übermemel, um sich an billiger Torte satt zu essen. Jeden Sommer besuchen mehr deutsche Kurgäste die Nehrung, wo sie selbst zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise herrlich und in Freuden leben. Wohlstand und Flair der Berliner und Königsberger wecken Sehnsüchte, vor allem unter den Jungen. Unschwer auszumalen, was passiert, wenn das Feuer von außen geschürt wird.