Gewalt

Nach dem 30. Januar 1933 entsteht unter dem Decknamen "Christlich-Soziale Arbeitsgemeinschaft" (CSA) eine nationalsozialistische Partei. Ihr Anführer ist der Pfarrer Theodor Freiherr von Saß, ein Haudegen und Trunkenbold, wie viele sagen, der wie Gregor Straßer antikapitalistische Emotionen schürt und unter den Hafenarbeitern viele Verehrer hat. Zum Schrecken der bürgerlichen Honoratioren erringt er bei der Wahl zum Stadtparlament im Mai ’33 fast die Hälfte der Stimmen.

Also bitten die bürgerlichen Parteien einen eigenen Kandidaten auf die Bühne, den Tierarzt Dr. Ernst Neumann, einen Mann von seriösem Lebenswandel und ein braver Befehlsempfänger. Er gründet unter dem Namen "Sozialistische Volksgemeinschaft" (Sovog) eine zweite Partei. Ein Bruderkampf entbrennt, der kurzentschlossen vom Reich entschieden wird. Rudolf Heß und der ostpreußische Gauleiter Erich Koch sind für Neumann. In Memel fordert der neue Vizekonsul Dr. Strack Saß-Anhänger mit der Waffe auf, zu Neumann zu wechseln.

Die Regierung Smetona reagiert panisch. CSA und Sovog werden verboten, mehr als hundert ihrer Anhänger verhaftet und in Kaunas (Kowno) vor Gericht gestellt. Die Akten offenbaren, wie stürmisch es damals zugegangen sein muß: militärische Übungen, Terror gegen litauische Bauern, ein Fememord, Waffenkäufe. Kein organisierter Aufstandsversuch, wie behauptet, aber das Reich wird als Drahtzieher deutlich. Die Strafen sind hart, auch wenn die vier Todesurteile in lebenslänglich verwandelt werden.

Das Urteil verschärft die Polarisierung. Von nun an ist es schwer, sich der Frontstellung "deutsch oder litauisch?" zu entziehen. Doch es gibt sie immer noch, die Gruppe der Grenzgänger. Ein Nachkriegsprozeß hat einen kleinen Lichtkegel auf sie geworfen. 1950 klagt ein Jonas Grigoleitis auf Entschädigung für fünfjährige KZ-Haft. Grigoleitis, ein Memelländer aus der Gegend von Heydekrug, ist 1934/39 Chefredakteur des Baltischen Beobachters, einer deutschsprachigen Memeler Zeitung, die zwar dem litauischen Verlag Rytas gehört, aber politisch unabhängig ist. In der Redaktion haben deutsche Emigranten Zuflucht gefunden, Juden wie politisch Verfolgte. Zusammen mit memeldeutschen und kleinlitauischen Journalisten versorgen sie nicht nur das Memelland, sondern ganz Litauen mit Nachrichten aus der demokratischen Welt und klären über den wahren Charakter des Hitler-Regimes auf. Dieses Stück Öffentlichkeit zeigt, daß das Memelgebiet, selbst mit eingeschränkter Autonomie, auch eine Insel der Freiheit ist, freier als Deutschland und freier als der Rest Litauens.

Doch die westdeutsche Nachkriegsjustiz wiederholt borniert die nationale Frontstellung der dreißiger Jahre. Grigoleitis wird nicht als Nazi-Gegner anerkannt, sondern nur als "Nationalgeschädigter". Sein Widerstand gilt als "deutschfeindlich" und prolitauisch motiviert. Ein Dr. Neumann dagegen wird im Entnazifizierungsverfahren als Mitläufer eingestuft, weil er glaubhaft machen kann, daß er nicht für Hitler, sondern nur für Deutschland war.

Im Reich inszeniert man damals Proteste gegen die "Bluturteile" von Kaunas. Hitler droht Litauen öffentlich. Nach dem großen Auftritt wird es erst einmal ruhig, äußerlich ruhig. Kalt und berechnend umgarnt Hitler die Beute. Er lockt Litauen mit einem Warenabkommen, bietet einen Nichtangriffspakt an, immer gegen Zugeständnisse in der Memelfrage.