Von Peter Hennicke

Die friedliche und unfriedliche Nutzung der Atomenergie und der drohende „Treibhauseffekt“ sind die größten und buchstäblich grenzenlosen Risiken, denen die Menschheit je gegenüberstand. Die Berufung auf den zukünftig möglichen, aber noch weitgehend abwendbaren Treibhauseffekt kann aber keine Legitimation dafür bieten, der Menschheit das sofort vermeidbare und relativ wahrscheinliche Risiko von Atomkatastrophen zuzumuten. Nicht „Risikostreuung“ (Helmut Schmidt), sondern eine Energiestrategie der Risikominimierung ist notwendig und möglich.

Ein weltweiter Ausbau der Atomenergie wäre als Reduktionsstrategie von Kohlendioxid (CO2) viel zu teuer sowie wegen fehlender Akzeptanz und wegen überlanger Planungs- und Bauzeiten viel zu langsam; zusätzlich würden die Proliferationsgefahren sowie das ungelöste Atommüllproblem enorm verschärft und das weltweite Supergau-Risiko katastrophal auf die Spitze getrieben: Selbst im statistischen Sinne ist das sogenannte Restrisiko schon jetzt ein erschreckend wahrscheinliches Ereignis. Multipliziert man die zum Beispiel von der Nuclear Regulatory Commission (NRC) der USA angenommene mittlere Kernschmelzhäufigkeit pro Reaktorjahr mit der Anzahl der Reaktoren und Reaktorjahre, so ergibt sich für die USA bis zum Jahr 2000 rechnerisch eine Chance von etwa 45 Prozent, weltweit von über 80 Prozent für einen katastrophalen Kernschmelzunfall.

Für die Atomgemeinde war Tschernobyl vor allem deshalb eine Katastrophe, weil sie Millionen von Betroffenen den nicht vermeidbaren Risikorest der Atomenergie erfahrbar gemacht hat. Von Umdenken wurde viel geredet, gemeint war nur anders begründen: Das Klimaproblem scheint hierfür prädestiniert. Nur eine weltweite Steigerung der Kernenergienutzung um den Faktor sechs bis sieben bis zum Jahr 2030 – so die Argumentation der Kernkraftbefürworter – könne die Menschheit vor dem Treibhauseffekt retten. Wolf Häfele hat der Weltklimakonferenz in Toronto folgendes CO2-Reduktionskonzept für die Bundesrepublik vorgelegt: Mit einem Atomenergieanteil von 71 Prozent am Energieverbrauch, einer Atomkapazität von 130 bis 180 Gigawatt (derzeit 24 GW) und durch Ausstieg aus dem Kohlestrom in der Grund- und Mittellast würden bis 2040 die CO2-Emission auf etwa ein Drittel gegenüber heute gesenkt.

Eine weltweite Strategie der Risikominimierung ist jedoch nur möglich, wenn schnell, aber solide vorbereitet, eine Politik der forcierten rationellen Energienutzung durchgesetzt wird. Die Fortsetzung der bisherigen Politik führt dagegen zu einer Kumulierung von Risiken, das heißt im schlimmsten Fall zum Supergau und zur Klimakatastrophe. Diese Politik wird durch angebotsorientierte Szenarien legitimiert, die Energieprobleme aus der Verkäuferperspektive – durch Ausweitung und Diversifizierung des Energieangebotes – angehen. Hierfür sind die von Wolf Häfele 1981 entwickelten IIASA-Szenarien Paradebeispiele. Im hohen IIASA-Szenario nehmen zum Beispiel – trotz eines exorbitanten Ausbaus der Atomenergie – die CO2-Emissionen bis 2030 um das 3,4fache zu: ein Katastrophenszenario.

Deshalb haben nun auch Kernkraftbefürworter wie Professor Wolf Häfele die rationelle Energienutzung als CO2-Reduktionsstrategie entdeckt – neben der Substitution von Kohle durch Erdgas (selbst ein potentiell klimawirksames Spurengas) sowie neben der stark ansteigenden Nutzung der Kernenergie und „aller anderen regenerierbaren“ Energiequellen. Seine Behauptung ist, daß wirklich nur dann, wenn alle Möglichkeiten genutzt werden, in etwa eine Halbierung des jetzigen COj-Ausstoßes möglich sein könnte. Diese Kernaussage ist unhaltbar:

Auch und gerade bei einem Ausstieg aus der Atomenergie kann in einem forcierten Effizienzszenario die CO2-Emission bis 2030 auf weniger als ein Drittel gesenkt werden.