Wer sich die zehn schweren, sorgfältig auf bestes Papier gedruckten Bände mit ihren insgesamt 10 600 Seiten nebst einem Gesamtregister auf den Schreibtisch packt, tut gut daran, zuvor dessen Stabilität zu überprüfen. Und wer den Idealen von Vollständigkeit und systematischer Lektüre anhängt, der nehme ein paar Monate Urlaub und mache sich auf die Reise durch 1000 Jahre deutsche Literatur, ersteige Romangebirge, raste in Gärten der Lyrik, streife durch Märchenwälder und weite Felder der Philosophie, überquere Kanäle der Kritik und Literaturtheorie, besichtige Prospekte des Theaters und wandere durch Ebenen von Alltags- und Gebrauchstexten.

„Die Deutsche Literatur vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert – Texte und Zeugnisse“ (dtv-Kassette 5915; Erstausgabe 1965-1983; 360,– DM), im Verein mit Helmut de Boor, Hedwig Heger, Albrecht Schöne, Hans-Egon Hass und Benno von Wiese herausgegeben von Walther Killy, bildet den gewaltigen Atlas einer Literaturlandschaft, in der jeder Leser überall auf ihm bislang unbekannte Höhen und Täler stoßen wird.

Wichtig war den Herausgebern, das für die jeweilige „Epoche Bezeichnende zu finden, in dem sich die Eigentümlichkeit des damals Alltäglichen realisiert, und das ist keineswegs immer im geprägten Stil oder im Kunstwerk von Rang der Fall. Wir haben also versucht..., den viel zu engen deutschen Literatur-Begriff zu erweitern“.

Angestrebt war kein „,geistesgeschichtliches‘ Lesewerk, vielmehr soll auch der Zusammenhang von Literatur und Geschichte hervortreten. Es galt, die wichtigsten Fragen vorwegzunehmen, die ein gebildeter Leser, der sich Vergangenes vergegenwärtigen will, heute stellen könnte. Wir mußten ihm die bedeutendsten Autoren an die Hand geben; den Wandel der Stile, der Denk- und Schreibweisen; wir mußten diejenigen Stoffe und ihre Formen zeigen, welche eine Zeit vorzüglich schätzte; wir mußten andeuten, in welche Beziehungen und Wechselwirkungen Autoren oder Denkungsarten eintraten, wobei nicht nur an nationale Beziehungen zu denken war. Denn die deutsche Literatur ist immer europäische Literatur gewesen“.

Hier hat sich, es ist nicht zu leugnen, der „geile Drang aufs Ganze“ (Walter Benjamin) erneut ein Denkmal gesetzt. Es bleibt gleichwohl und zum Glück Sache des Lesers, besser: Nutzers dieses Monumentalwerks, inwieweit er dem Drang nachzugeben und wie er mit Denkmälern umzugehen gedenkt. Die ersten vier Teilbände („Mittelalter“ bis „Barock“) dürften darüber hinaus auch den „gebildeten Leser“ vor Probleme stellen – es sei denn, dieser nähme sich zum Leseurlaub auch noch einige Semester Zeit, seine alt-, mittelhoch- und barockdeutschen Kenntnisse aufzufrischen und belegte gleich noch einen Lateinkurs dazu.

Vieles ist zwar übersetzt und Übersetzungshilfen gibt es viele – von Lesefreundlichkeit kann aber während der ersten 1250 Seiten nur sehr bedingt die Rede sein. Vielleicht ist der Rezensent kein „gebildeter Leser“, wie ihn sich die Herausgeber vorstellten; doch wer jetzt „Banause!“ ruft, der nehme sich – beliebiges Beispiel von vielen – einmal Daniel Casper von Lohensteins Trauerspiel „Agrippina“ vor und versuche, aus den „Anmerckungen“ schlau zu werden ...

Gerät man aber dann mit dem 18. Jahrhundert in vertrautere Gewässer, der Fluß ohne Ufer dieses kollossalen Kompendiums mündet im Jahr 1933 mit Tagebuchnotizen Oskar Loerkes, erweist sich die Reise doch aller Mühe wert. Was sich hier an geradezu unerschöpflichem Beziehungsreichtum (sowohl im historischen Kontext als auch im Hinblick auf unsere gegenwärtige „geistige Situation“) herstellt, ist nicht bloß erstaunlich; es könnte sogar dazu angetan sein, Erinnerungen an ein obsolet gewordenes Gefühl zu wecken: Das Gefühl des Stolzes auf einen literarischen Traditionsreichtum, der heute freilich nur noch selektiv zu ermessen ist. Denn „lesen“ im strikten Sinn läßt diese Anthologie der Anthologien sich kaum.