Bei der Neuordnung des Daimler-Imperiums muß der Elektrokonzern profitable Bereiche abgeben

Von Hans Otto Eglau

Heinz Dürr berief einen großen Vorgänger zu seinem Zeugen. „Was hätte Emil Rathenau zu dieser Entwicklung gesagt?“ fragte der AEG-Chef in seiner Festrede zum 150. Geburtstag des Konzerngründers, „hätte er kopfschüttelnd den Verlust der Selbständigkeit bedauert oder hätte er den Ideen der Männer zugestimmt, die 1985 beschlossen, das Automobilunternehmen Daimler-Benz zu erweitern?“ Die Frage konnte nur rhetorisch gemeint sein. Natürlich, so Dürr, hätte sich der neben Werner von Siemens bedeutendste Wegbereiter der deutschen Elektroindustrie nur für die „Vision der Zukunft“ entschieden.

Wie immer Rathenau heute tatsächlich entscheiden würde – die Phantasie, sich vorzustellen, daß die große AEG eines fernen Tages unter das Joch von Daimler-Benz geraten könnte, dürfte der 1915 gestorbene Pionierunternehmer wohl kaum gehabt haben. Immerhin beschäftigte sein Konzern um die Jahrhundertwende bereits 17 000 Menschen. Die noch getrennt arbeitenden, erst 1926 miteinander verschmolzenen Sanierungsfälle Daimler und Benz waren damals handwerklich ausgerichtete Mittelbetriebe mit zusammen nicht einmal 800 Leuten.

Heute ist die AEG zu achtzig Prozent im Besitz von Daimler-Benz, ein an der kurzen Leine geführter Unternehmensbereich der neu formierten Stuttgarter Technologie-Vormacht. Nach dem Umbau des Daimler-Konzerns werden unter dem Dach der neuen Führungsholding neben der tonangebenden Mercedes-Benz AG (Pkw und Nutzfahrzeuge) die AEG und die Deutsche Aerospace AG (Luft- und Raumfahrt) als etwa gleich große „Satelliten“ rangieren.

Seit Heinz Dürr vor genau neun Jahren als Nachfolger des gescheiterten Walter Cipa in die AEG-Zentrale am Frankfurter Theodor-Stern-Kai einzog, ist der schwergeprüfte Elektrokonzern arg gerupft worden. In der Hoffnung, den drohenden Zusammenbruch des Unternehmens doch noch abwenden zu können, trennte er sich Anfang 1982 von einem 49prozentigen Anteil an seiner ANT Nachrichtentechnik in Backnang (Übertragungs- und Raumfahrttechnik). Die drei Käufer – Bosch, Mannesmann und Allianz – griffen sich nach dem AEG-Vergleich am 9. August 1982 vertragsgemäß auch noch das von Dürr behaltene Aktienpaket. Bereits 1981 hatte der damalige Bosch-Chef Hans Merkle die AEG-Firma Telenorma Telephonbau und Normalzeit (Schwerpunkt: Telephonnebenstellen-Anlagen und Terminals) seinem Konzern einverleibt, um damit einen Bereich Kommunikation aufzubauen als Ergänzung zum Geschäft mit Kraftfahrzeugzubehör.

Zwar konnte Dürr im September 1984 nicht ohne Stolz verkünden, den Vergleich erfüllt und aus dem akut gefährdeten Konzern wieder ein normales Unternehmen gemacht zu haben. Doch an den Neubeginn machte sich ein um einige seiner zukunftsträchtigsten Aktivitäten ärmer gewordener, finanziell ausgebluteter Konzern. Das schien jedoch endgültig Vergangenheit zu sein, als Daimler-Benz 1985 bei AEG das Heft in die Hand nahm. Doch vor dem Start in eine bessere Zukunft erfolgt eine weitere Amputation. Bei der anstehenden Neuordnung des Daimler-Benz-Konzerns werden der AEG ausgerechnet zwei der interessantesten Geschäftsbereiche genommen: zum einen das Gebiet Hochfrequenztechnik (hausintern: „A1“) in Ulm und der Bereich Marine- und Sondertechnik („A4“) mit Sitz in Hamburg. Beide Sparten sollen gemeinsam mit den Daimler-Firmen Dornier und MTU sowie der Beteiligung an MBB in die neue Luft- und Raumfahrtgruppe integriert werden.