Für die Atomwirtschaft öffnet sich ein neues Betätigungsfeld: die Verschrottung stillgelegter Kernkraftwerke

Von Jürgen Benz und Michael Haller

Mit schlechtem Gewissen haben wir unseren Kindern klarzumachen versucht, daß sie und ihre Nachkommen mit den verdammten Atomkraftwerk-Ruinen werden leben müssen, weil deren radioaktive Innereien für einen Abbruch viel zu gefährlich sind.

Längst sind wir mit der Vorstellung vertraut, daß diese nutzlosen Betongiganten an den Ufern unserer Flüsse zu häßlichen Denkmälern einer am technologischen Größenwahn gescheiterten Epoche versteinern werden.

Inzwischen haben wir auch gegenüber den Atomkraftgegnern klein beigeben müssen, die schon damals, in den siebziger Jahren, mit erhobenem Zeigefinger auf das ungelöste Problem der AKW-Beseitigung hingewiesen haben: Wohin mit dem radioaktiven Zeugs, wenn nach 25 bis 30 Betriebsjahren die Anlagen wegen Altersschwäche ein für allemal abgeschaltet werden müssen?

Doch jetzt dürfen wir ganz unvermutet wieder optimistisch sein: Im niederbayerischen Niederaichbach nahe der Kreisstadt Landshut, am Ufer der schönen Isar, wird nun erstmals in Europa ein stillgelegtes Kernkraftwerk abgerissen und komplett weggeräumt. In spätestens fünf Jahren, verheißen uns die Abbruch-Ingenieure, würden dort wieder die Blumen blühen und Kühe auf der grünen Weide grasen können, so, als hätte es dort niemals eine radioaktive Atomstromfabrik gegeben. Eine Fata Morgana?

Am Montag vergangener Woche hat das Verwaltungsgericht in Regensburg in erster Instanz entschieden, daß die Stadt Landshut – sie hatte im Juli 1987 Klage erhoben – durch den Abbruch des Kernkraftwerks Niederaichbach (KKN) in ihren Rechten und Sorgepflichten nicht tangiert werde: Die beim Abriß des Reaktors frei werdende Radioaktivität, so hatten die Gutachter dem Gericht vorgerechnet, werde nur winzige Bruchteile der erlaubten Strahlenmenge ausmachen. Selbst wenn die Vorbelastungen durch das Reaktorunglück von Tschernobyl und die Strahlungen der noch im Betrieb stehenden Nachbar-Kraftwerke Isar I und Isar II hinzugerechnet würden, bliebe die Radioaktivität so gering, daß der gesetzlich vorgeschriebene Grenzwert von dreißig Millirem pro Jahr nicht überschritten werde. Das Fazit der Richter: Die Schleifung der Atom-Ruine wird das Wohl der Bürger im Umkreis der Stadt Landshut nicht beeinträchtigen – die vorerst letzte Hürde auf dem nun schon sehr langen Weg zum Total-Abbruch ist damit beseitigt.