/ Von Rüdiger Altmann

Daß es angesichts des Niedergangs seiner Politik unvermeidlich werden würde, die Position Helmut Kohls als Bundeskanzler und als Parteiführer in Frage zu stellen, war seit längerem vorauszusehen. Jetzt ist es soweit. Das Niveau seiner Politik ist so abschüssig geworden, das Tempo ihrer Talfahrt in die Niederlage so rasch, daß Polemik gegen ihn, so berechtigt sie sein mag, schon fast wie ein Schuß in den Rücken wirkt. Begnügen wir uns also zunächst mit der Feststellung, daß die Persönlichkeit des Kanzlers eher Symptom als Ursache der Schwäche ist, die im geistigen Klima, in der Ausdruckskraft und wohl auch in der Moral des gegenwärtigen Parteienstaats so peinlich zum Vorschein kommt.

Bedenkt man, daß die Bundesrepublik einer der leistungsfähigsten Industriestaaten der Welt ist, so ist es keine ungerechtfertigte Übertreibung, von einer Null vor dem Komma zu sprechen.

Jedermann weiß, wer er ist, ein Mann von zweifelsfreier Identität; Herkunft und soziale Bindungen, Gesinnung, Bildung und Sprache ohne Spannungen und Widersprüche. Keine Vergangenheit, die zu bewältigen wäre. Eine Laufbahn ohne Verwerfungen und Schlaglöcher.

Helmut Kohl selbst sieht sich als Erbe Konrad Adenauers und Ludwig Erhards. In der Tat hat Adenauer, wie es einem großen Häuptling zukommt, eine Vielzahl von Abkömmlingen gezeugt, die „Kanzlerknappen“, wie sie damals hießen. Zum Erben hat er freilich keinen von ihnen eingesetzt. Ob Kohl sich zugleich als Erbe Erhards präsentieren kann, ist nicht minder zweifelhaft. Erhard hatte mit der CDU weder, wie Adenauer, ein patriarchalisches noch sonstwie ein intimes Verhältnis. Der Parteibetrieb lag ihm nicht.

Aber auf welches Erbe Helmut Kohl sich immer berufen mag, er ist tatsächlich ein Kind der CDU – und nichts außerdem, möchte man hinzufügen. Schon während seiner Studienzeit war sie seine politische Heimat, fast selbstverständlich wählte er sie als Gegenstand seiner Doktorarbeit.

Die CDU dieser Jahre läßt sich mit drei Worten beschreiben: Adenauer, Kompromiß, Religion. Für Katholiken war damit nicht bloß ein Glaubensbekenntnis gemeint, sondern die christliche Soziallehre. Wenn der Bundeskanzler (und wohl auch Heiner Geißler) heute von „sozialer Marktwirtschaft“ spricht, darf man vermuten, daß das weniger im Sinn der liberalen Theorie Erhards als der Kompromißtheologie der päpstlichen Sozialenzykliken gemeint ist: eine ethisch befestigte Plattform links von der Mitte. Für einen Politiker der Union gibt es keinen besseren Platz, um auf der Stelle zu treten.