Weder niedrige Bausparzinsen noch die Einschränkung der staatlichen Förderung konnten die Bundesbürger im vergangenen Jahr davon abhalten, so viele Verträge zu unterzeichnen wie lange nicht mehr. Erstmals seit 1980 überschritt die Bausparsumme der Neuabschlüsse wieder das Volumen von hundert Milliarden Mark. Die Zuwachsrate gegenüber 1987 lag bei fast achtzehn Prozent. Insgesamt existierten zum Jahreswechsel 25,4 Millionen Bausparverträge mit einem Durchschnittswert von 34 300 Mark.

Verantwortlich für den Boom war unter anderem die Steuerreform der Bundesregierung, die auch eine Neugestaltung der Bausparförderung vorsieht. Seit 1. Januar erhalten Bausparer nur noch eine Wohnungsbauprämie von zehn nach zuvor vierzehn Prozent. Wer noch ein letztes Mal den höheren Satz kassieren wollte, der mußte 1988 abschließen.

Als weiteres Plus betonte die Bausparkassen, daß Bausparen neben dem viel risikoreicheren Erwerb von Unternehmensbeteiligungen (Aktien) die einzige Sparform ist, die von 1990 an noch nach dem Vermögensbildungsgesetz (936-Mark-Gesetz) begünstigt wird. Während es für Lebensversicherungen und Sparkonten keine Arbeitnehmer-Sparzulage mehr gibt, können Bausparer künftig 936 statt bisher 624 Mark prämienbegünstigt anlegen. Die Anlage hat jedoch einen Schönheitsfehler: Während der Staat bisher knapp 144 Mark (23 Prozent) zuschoß, sind es künftig für einen wesentlich höheren Sparbetrag nur noch 93,60 Mark (zehn Prozent). Zwar steigen die Einkommenshöchstgrenzen für die Förderung von 1990 an von 48 000 Mark (plus 1800 Mark je Kind) auf 54 000 Mark für Verheiratete und von 24 000 auf 27 000 Mark für Alleinstehende, doch da die zusätzlichen 1800 Mark pro Kind wegfallen, nützt das vielen Familien kaum etwas. Insgesamt – und das verschweigen auch die Bausparkassen nicht – verschlechtert sich die staatliche Begünstigung.

Unabhängig von der Kürzung der öffentlichen Zuschüsse ist es auch fraglich, ob der billigste Weg zum eigenen Heim tatsächlich über Bausparverträge führt. Der bei Vertragsabschluß vereinbarte Festzins für das spätere Darlehen schafft zwar eine gewisse Unabhängigkeit gegenüber den Zinsschwankungen des Kapitalmarkts. Auch liegen die Zinsen für Bauspardarlehen meist deutlich unter denen des freien Kreditmarktes, selbst wenn man die Darlehensgebühren von zwei Prozent einbezieht. Doch wer genau nachrechnet, der kommt oft auf höhere Belastungen, als die Bausparkassen versprechen. So wird häufig noch der Abschluß einer Risikolebensversicherung verlangt, um die Restschuld abzusichern. Die Versicherungsprämie muß zur Zins- und Tilgungslast addiert werden.

Um einen wirklichen Vergleich mit anderen Finanzierungsformen zu ermöglichen, müssen bei der Berechnung der tatsächlichen Kreditkosten ferner die Belastungen aus der Ansparphase berücksichtigt werden, da sie die Voraussetzung für das spätere Darlehen ist. Während dieser Zeit verzichtet der Bausparer über Jahre hinweg auf Zinserträge, ganz besonders, wenn er mit seinem Einkommen über den Grenzen für die staatliche Förderung liegt. An reinen Zinsen bringen die Standardtarife im Durchschnitt lediglich 2,5 Prozent. In vielen Fällen verringert sich obendrein der Zinsertrag durch eine verzögerte Wertstellung. Die Einzahlung wird erst nach einem Monat oder noch später gutgeschrieben. Zusätzlich werden dem Bausparer Abschlußgebühren in Höhe von einem oder 1,6 Prozent, Bearbeitungsgebühren für die Wohnungsbauprämie sowie Kontoführungsgebühren berechnet. Bezieht man alle diese Kosten in die Berechnung der effektiven Kreditzinsen ein, so erhält man Sätze, die oft zwei Prozentpunkte über den Angaben der Bausparkasse liegen. Mit Hilfe einer Hypothek läßt sich – dank der immer noch vergleichsweise niedrigen Zinsen – eine Wohnung oder ein Haus oft günstiger finanzieren als mit einem klassischen Bauspardarlehen. Diese Rechnung setzt voraus, daß der Investor über genügend Eigenkapital verfügt, beispielsweise vierzig Prozent der Gesamtsumme.

Wer nicht genügend eigenes Geld besitzt und keine ausreichenden Sicherheiten bieten kann, der kommt um einen Bausparvertrag meist nicht herum. Banken oder Sparkassen beleihen Immobilien häufig nur bis zu sechzig Prozent und gewähren vertretbare Konditionen nur bei einem Grundbucheintrag an erster Rangstelle. Mit Bauspardarlehen hingegen können auch achtzig Prozent finanziert werden, und es reicht eine Grundbucheintragung auf dem zweiten Rang.

Während sich wirkliches Bausparen zum Zwecke der Immobilienfinanzierung manchmal nicht lohnt, kann sich das vermeintliche Bausparen durchaus rentieren, zumindest für prämienberechtigte Sparer. Unter den über 200 Tarifen finden sich nämlich auch solche, die zwar für Häuslebauer oder Wohnungskäufer wenig interessant erscheinen, die aber soviel Zinsen abwerfen, daß diese zusammen mit den staatlichen Zuschüssen mehr Ertrag bringen als vergleichbare Sparformen. Hinzu kommt, daß die Einzahlungen sich als Sonderausgaben (Vorsorgeaufwendungen) von der Steuer absetzen lassen, allerdings nur bis zu einem Höchstbetrag von 6000 Mark (Ledige 3000 Mark). Zwar erhöht sich von 1990 an diese Summe auf 8000 Mark (4000), doch kann dann nur noch die Hälfte geltend gemacht werden.

Mit ihren neuen Tarifangeboten verlassen die Bausparkassen ihr traditionelles Terrain und entwickeln sich zur Konkurrenz von Banken und Versicherungen. Weitere Expansionsmöglichkeiten für die Branche werden sich mit dem europäischen Binnenmarkt eröffnen. Trotz aller Probleme und Kritik gilt das deutsche Bausparsystem in Europa als einmalig. Vor allem in Ländern mit geringem Eigenheimanteil könnte das kollektive Bausparen nach deutschem Muster auf Interesse stoßen, „wenn die notwendigen rechtlichen Voraussetzungen geschaffen werden“, wie es in einer Analyse der BHF-Bank heißt. Daß Ausländer am Bausparen interessiert sind, zeigt sich schon heute. Nach Schätzungen der Landesbausparkassen halten in der Bundesrepublik lebende ausländische Arbeitnehmer bereits bis zu zehn Prozent aller Bausparverträge in ihren Händen. Solidus