Korea will vom Billiganbieter zum High-Tech-Land werden

Von Christian Tenbrock

Es gibt Stimmen und Töne, die sollen beim Zuhörer Optimismus auslösen. Die Worte und Klänge, die die Dia-Show im Projektionsraum des Sichtbetongebäudes in der Reißbrettstadt 190 Kilometer südlich Seouls begleiten, sind solche Boten der Zuversicht. "Welcome in Taedok Science Town", sagt die Stimme vom Band, und sphärische Musik kündet von Zukunft. Spätestens jetzt, nach drei Stunden Autofahrt durch eine winterlich grau-braune Landschaft heraus aus der Modernität der Metropole, weiß der Besucher, warum Südkorea so gern vom "koreanischen Silicon Valley" spricht, wenn die Rede auf Taedok kommt: Diese Stadt sei Technopia – technology and utopia.

In der Gegend von Taedok gehen die Uhren noch anders als in Seoul, dessen verstopfte Straßen den Wandel verkörpern, der Südkorea in dreißig Jahren zur elftgrößten Handelsmacht der Erde werden ließ. In Taedok leben Bauernfamilien, die mit Tausenden von Mark verschuldet sind, in Dörfern, die nur über staubige Feldwege erreicht werden können. Schuster und Schlosser arbeiten in Hinterhofwerkstätten wie vor einem halben Jahrhundert.

Genau hier aber, entschied die Regierung, wird die High-Tech-Schmiede Taedok Science Town gebaut. In zwei Jahren sollen hier 50 000 Menschen leben, Wissenschaftler, Forscher und ihre Familien. Von ihnen wird der Hauptschub erwartet, der Südkorea zur Jahrtausendwende "zu den zehn technologisch höchstentwickelten Staaten der Welt" machen soll, wie Seouls ehemaliger Wissenschaftsminister Lee Tae Sop das ehrgeizige Ziel formuliert.

Südkorea will Abschied von alten Konzepten nehmen. Mit dem personalintensiven, aber – wegen geringer Löhne – billigen Kopien industrieller Produkte aus dem Ausland, mit dem Export von Bauarbeitern, preiswerten Textilien, Schuhen, Spielzeug und einfacher Elektronik ist das Land zu einer fast schon reichen Nation gewachsen. Jetzt funktionieren hergebrachte Erfolgsstrategien nicht mehr.

Zwar wuchs die Wirtschaft auch 1988 wieder um weltmeisterliche 12,1 Prozent, wurde nach Seouler Statistiken die Schweiz im Handelsvolumen überrundet, erreichte der Leistungsbilanzüberschuß vierzehn Milliarden US-Dollar. Aber Washington und Brüssel reagieren mit Protektion auf die Flut preisgünstiger Massenware aus Südkorea, und die Aufwertung des koreanischen Won gegenüber dem Dollar um 15,8 Prozent allein im vergangenen Jahr macht die Exporte teurer. Gleichzeitig fordert und erhält die Arbeiterschaft des Landes ihren Anteil am Fortschritt. Schon 1987 stiegen die Löhne um rund zwanzig Prozent, 1988 waren es fünfzehn Prozent. Das Lohnniveau Taiwans ist inzwischen fast erreicht.