Die Zeichen der Zeit erkannt

Auch die Einschätzung der Zeitschrift Korea Business World, die seit kurzem schnell steigenden Exporte von Computern oder Mikrochips seien allein schon "ein wichtiger Indikator für die Fähigkeit des Landes, High-Tech-Produkte mit hoher Wertschöpfung herzustellen", bildet die Wirklichkeit nur unvollständig ab. Bei "modernen" Produkten der Elektroindustrie liegt die Selbstversorgungsrate bei vierzig bis sechzig Prozent, die wichtigsten Teile müssen eingeführt werden. Daewoo Telcom, mit seinen Computern erfolgreich in den USA, kann nur einfache Vorprodukte wie Tastaturen, Gehäuse und Bildschirme fertigen. Was schwieriger ist, kommt aus Japan, Taiwan oder der Bundesrepublik. Siliziumplatten für die Halbleiterproduktion werden zu hundert Prozent importiert. Ähnlich verhält es sich in anderen Zukunftsbranchen: Knapp die Hälfte der 3,6 Milliarden Dollar, die die Automobilunternehmen in Übersee verdienen, müssen für Einfuhren wieder ausgegeben werden. Für die Produktion von Getrieben oder Einspritzpumpen reicht das technologische Wissen nicht aus. "Das Fundament ist nicht solide", konstatiert mit Blick auf die Autobranche Yu Hee Yol vom Wissenschaftsministerium.

Gegenwärtig gibt Südkorea nur 2,2 Prozent seines Sozialprodukts für Forschung aus. Auch die Zahl qualifizierter Wissenschaftler ist denkbar gering. Auf 10 000 Menschen kommen dreizehn Männer und Frauen, die in der Forschung arbeiten können – nicht einmal halb soviel wie in den USA, in Japan oder der Bundesrepublik. Koreanische Universitäten sind noch immer kaum in der Lage, den notwendigen Nachwuchs für staatliche oder private Institute auszubilden. Und wer vom Auslandsstudium heimkehrt, will sich, ganz in konfuzianischer Tradition, die Hände nicht mehr schmutzig machen. "Naturwissenschaftler", beobachtet Yu Kwang Hong, der am Institut für Technologie (KIT) in der Taedok Science Town lehrt, "machen keinen Schritt vor ihre Labors. Der Arbeit in der Fabrik gehen sie damit verloren."

"Kann die Nation dem anbrechenden neuen wirtschaftlichen Zeitalter mit industrieller Vielfalt und Einfallsreichtum begegnen, oder wird sie weiter in einem abgetragenen Anzug geliehener Ideen dastehen?" fragte denn auch sorgenvoll die Korea Business World zum kürzlichen Jahreswechsel. KIT-Professor Yu antwortet mit dem in Südkorea oft gehörten Slogan von "Wille, Anpassungsfähigkeit und Selbstvertrauen". Viele Unternehmen haben die Zeichen der Zeit erkannt, und der Staat hilft tatkräftig mit. Allein das Wissenschaftsministerium wirft in diesem Jahr 380 Millionen Dollar für diverse Technologie-Förderungsprogramme aus, rund 160 Millionen bekommen jene Unternehmen zinsgünstig geliehen, die in ihren Betrieben die Produktivität durch High-Tech steigern. Und 4,3 Milliarden Dollar in Form von Krediten, Steuerermäßigungen und direkten Zuschüssen läßt sich das Industrie- und Handelsministerium ein detailliertes "Lokalisierungsprogramm" kosten, mit dem in den kommenden vier Jahren die Herstellung von über 2500 bisher importierten Vorprodukten in Südkorea sichergestellt werden soll.

Die Schuhindustrie, jahrelang eine gute und billige Adresse für Adidas, Nike oder Reebok, will künftig vierzig Millionen Paar Sportschuhe in Thailand und Indonesien fertigen; gleichzeitig sind die südkoreanischen Ausfuhren teurerer Lederschuhe 1988 um 170 Prozent gestiegen. Daewoo läßt preiswerte Kleidung für den Export in Bangladesh oder Costa Rica schneidern, und Mode aus dem Hause Samsung wird inzwischen unter den Namen Gelini und Crescendo in den USA auch in exklusiveren Stätten des Konsums verkauft. Selbst bei Spielwaren ist die Ära des ausgestopften Steifftiers beendet. High-Tech-Teddybären aus Südkorea können laufen und englisch sprechen.

Mehr als 600 betriebseigene Labors gibt es heute, zu Beginn der achtziger Jahre waren es gerade einige Dutzend. Der Verband zur Förderung der Industrietechnologie registrierte allein im vergangenen Jahr 180 Bitten auch kleinerer und mittlerer Unternehmen, bei der Einrichtung von Forschungsabteilungen zu helfen. Die vier größten Konzerne Hyundai, Samsung, Lucky Goldstar und Daewoo investierten 1988 rund 2,3 Milliarden Dollar in Produktionskapazitäten und Entwicklungsarbeit für Halbleiter, hochwertige Chemie, Computer, Luftfahrt, Automobile oder Bio-Genetik. In der Samsung-Gruppe werden 4,3 Prozent des Umsatzes für die Forschung ausgegeben, bei Goldstars Elektronik-Tochter sind es sogar acht Prozent.

Erfolge werden bereits sichtbar: Im Verbund mit dem staatlichen Institut für Elektronik und Telekommunikation (ETRI) schaffte es die Elektrobranche, 1988 als dritte auf der Welt den Vier-Megabit-Chip vorzustellen. Digitalfernsehen, Digitalaudiorecorder und eine Vier-Millimeter-Videokamera sind entwickelt. Auch beim Verkauf von Büroeinrichtungen und Industrieelektronik kommen die Südkoreaner voran. Obwohl nach Einschätzung der Seouler Entwicklungsbank KDB noch drei bis sieben Jahre hinter der Konkurrenz zurück, stieg der Export im vergangenen Jahr um 34 Prozent auf 2,6 Milliarden Dollar.