Bronislaw Geremek: Intellektueller, Politiker und Kämpfer für Polens Zukunft

Von Helga Hirsch

Als Bronislaw Geremek noch nicht für die Opposition im Fernsehen sprechen durfte, als seine Aussagen nur verzerrt, aus dem Zusammenhang gerissen und hämisch kommentiert in den Parteiorganen zitiert wurden, war es wesentlich leichter, ein Treffen mit ihm auszumachen. Damals galt Geremek in Warschau als persona non grata, hatte er Berufsverbot, erhielt er keine Ausreiseerlaubnis. Eine Anklage wegen illegaler Tätigkeit lag wesentlich näher als eine politische Rehabilitierung. Zu jener Zeit genügte ein Anruf für einen Termin, bei dem er den Gast umfassend über die Haltung der Opposition zur politischen Entwicklung in Polen informierte. Ein Gespräch lohnte sich jedesmal, denn Geremek war (und ist auch heute noch) einer der wichtigsten Berater Lech Walesas und des Vorstands der Solidarnosc.

Neuerdings ist Bronislaw Geremek, der geistige Vater des runden Tisches, an dem Regierung und Opposition um Polens Zukunft ringen, ausgebucht von morgens bis nachts. Tagelange Verhandlungen mit der Regierung über das künftige politische System des Landes, Gespräche mit Innenminister Kiszczak, Vorstandssitzungen von Solidarnosc, Pressekonferenzen, Interviews und Treffen im engsten Kreis der Opposition halten ihn auf Trab. Die Erschöpfung nach sieben langen Sitzungswochen, die Polen so einschneidend wie nie zuvor in den vergangenen 40 Jahren verändern sollen, hat deutliche Spuren in seinen Gesichtszügen hinterlassen.

Doch wenn Geremek mit der obligatorischen Pfeife in seinem Arbeitszimmer in der Altstadtwohnung sitzt, wo auch tagsüber die Stehlampe brennt, weil die engen Gassen das Licht abhalten, wenn er den Kopf mit gespreizten Fingern stützt und sich zum Nachdenken zurücklehnt, dann ist alle Hektik wie verflogen. In solchen Momenten herrscht fast die Salonatmosphäre früherer Jahre, in denen sich die Politik der Opposition im wesentlichen auf die Reflexionen über Moral und Geschichte beschränken mußte. Da schlüpft dann der Politiker Geremek nur allzu bereitwillig wieder in die Rolle des Intellektuellen, der nicht kämpfen muß, sondern abwägen darf – wie einer, der kein politisches Programm zu präsentieren hat, sondern alles aus der Distanz beobachten kann.

„Ein Historiker weiß allzu viel über die Mechanismen des politischen Spiels, über die Unterschiede zwischen Programmen und ihrer Realisierung, zwischen dem, was gefordert wird und dem, was möglich ist, als daß er nicht einen gewissen Unwillen gegenüber dem politischen Engagement empfände“, stellte Geremek in einem Essay über den französischen Historiker Marc Bloch fest und gab darin seine eigene Erfahrung weiter. Politische Irrwege und Enttäuschungen in der Jugendzeit ließen ihn Zuflucht in der Wissenschaft suchen, und erst nach Jahren gebot ihm moralische Verantwortung erneut die Einmischung in politische Belange.

Wie viele andere polnische Intellektuelle war auch Geremek nach dem Zweiten Weltkrieg vom Marxismus als der scheinbar einzigen Alternative zum Faschismus fasziniert. 1950 trat der damals 18jährige in die Partei ein und wurde im Jugendverband aktiv. Doch seine Uberzeugungen standen schon bald auf der Probe. Chruschtschows Geheimrede im März 1956 über die Verbrechen Stalins schockierte den Studenten. Die Hoffnungen auf einen „polnischen Frühling“ unter dem neuen Parteichef Gomulka mußte er schon nach wenigen Monaten begraben.