Von Joachim Nawrocki

West-Berlin, im März

Noch ist die Szene ruhig. In der vorsommerlichen Wärme des Ostermontags liegt die Fraunhoferstraße in Charlottenburg still und sonnig, Menschen sind nicht zu sehen; auf der einen Seite Wohnhäuser, auf der anderen wissenschaftliche Institute. Mittendrin befindet sich das ehemalige Arbeitsschutzmuseum, erbaut Anfang des Jahrhunderts, seit zwanzig Jahren großenteils baufällig und abrißreif, seit vier Jahren ein schützenswertes Baudenkmal, seit zwei Wochen „Revolutionäres Zentrum“. An dem Tag, als der SPD/AL-Senat gebildet wurde, kam das Signal: Junge Leute aus der anarchistischen Szene besetzten das Gebäude. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz, die das zeitweilige Nutzungsrecht hatte, gab das Museum anstandslos auf und baute eine dort eingerichtete Ausstellung kurzerhand ab.

Noch werben in der Umgebung des Hauses Stelltafeln für die Ausstellung: „Verloren, gefährdet, geschützt – Baudenkmale in Berlin“. Aber die Plakate sind überklebt mit Flugblättern, in denen das verlorene, gefährdete, ungeschützte Baudenkmal als eine „Einrichtung der linksradikalen Zusammenhänge für die Abschaffung des HERRschaftssystems – Anarchismus, Antifaschismus, Waffen für El Salvador“ ausgegeben wird. Auf einem anderen Flugblatt steht: „Unsere Hütten gegen High-Tech-Bunker. Enteignung aller Spekulanten und Hausbesitzer. Wohnen zum O-Tarif“. Die bemalten Tücher an den Hauswänden sind teilweise verweht, „Ohne Kampf nur Krampf“ ist zu entziffern. Aus dem Inneren des Hauses dringt laute Musik, auf einem Flachdach unter einer schwarzen Fahne sonnen sich drei schwarzgekleidete Figuren. Einlaß wird nur dem zuständigen Staatssekretär Klaus-Martin Groth gewährt, der den Besetzern eine Erklärungsfrist bis zum Nachmittag des Ostermontags gesetzt hatte. Er wird kurz abgefertigt und um einen Tag vertröstet.

Am Dienstag mittag verlesen dann vermummte Besetzer ihre Forderungen: „Das Gebäude gehört jetzt uns. Das beinhaltet auch, daß wir über das Hausrecht verfügen. Der Polizei ist der Zutritt auch nach Allgemeinem Sicherheits- und Ordnungsgesetz zu untersagen.“ Die Besetzer verlangen die Pläne des Hauses, die Sanierung des Gebäudes, Heizungen, sanitäre Einrichtungen, Schallisolierung, Dachgarten, Sonnenkollektoren, Bodenuntersuchungen, verkehrsberuhigte Zonen in den umliegenden Straßen, Gelder für freie Gruppen und Veranstaltungen, Photolabor, Setzerei, Druckerei, Fahrradwerkstatt, Kinderspielplatz, Cafeteria – und das alles auf Senatskosten. „Die inhaltliche und strukturelle Autonomie des Projekts Revolutionäres Zentrum Leila Khaled ist unantastbar und nicht Verhandlungsgegenstand.“

Sind das nun militante Autonome, wirklichkeitsfremde Sozialrevolutionäre oder verstörte Jugendliche, die in der schnellebigen Berliner Szene schon wieder ein neues Element bilden? Der zuständigen Senatorin Michaele Schreyer gelang es am Ostermontag, bis zu den ersten Matratzen im Haus vorzudringen. Dann hieß es: „Sie müssen hier aber wieder raus.“ Sie berichtete, die Jugendlichen, meist achtzehnjährige Kids, hätten ziemlich hilflos auf den unerwarteten Besuch reagiert. Das stimmt mit Einschätzungen von Szenekennern überein. Schülergruppen mit militantem Auftreten, die mit den alten Autonomen wenig zu tun haben, sie gar für „Laberköppe“ halten, hätten gedacht, nach der Bildung des rot-grünen Senats könne man sich wieder „easy ein Haus holen“. Doch dann gab es manche Überraschung.

Die erste Überraschung kam während der ersten Sitzung des neuen Senats am Dienstag voriger Woche. Da trafen fortwährend Nachrichten über Hausbesetzungen ein, insgesamt acht waren es am Ende. Noch in der Senatssitzung einigte man sich entsprechend der sogenannten „Berliner Linie“, daß Neubesetzungen nicht hingenommen würden; die von der AL benannten Senatorinnen widersprachen nicht. Die zweite Überraschung traf Senatorin Schreyer. In einem Interview sagte sie: „Als SPD-Bausenator Nagel auf unserer gemeinsamen Senatspressekonferenz von Räumung sprach, war ich über das Wort ‚Räumung‘ völlig geschockt. Dann wurde mir aber blitzartig klar, daß das die Konsequenz unserer Zustimmung zur ‚Berliner Linie‘ war.“ Diese „Berliner Linie“, vom Regierenden Bürgermeister Hans-Jochen Vogel entwickelt und von seinem Nachfolger Richard von Weizsäcker übernommen, hieß: Neubesetzungen verhindern, besetzte Häuser räumen, wenn Strafantrag, Räumungsbegehren der Eigentümer und Nachweis bevorstehender Baumaßnahmen vorliegen.