Fast vierzig Jahre lang gehörte er wenn nicht zur ersten ProtokolI-Garnitur, dann doch zur ersten Güteklasse amerikanischer Staatsdiener. Jetzt hat Paul Nitze, der acht Präsidenten beriet, den neuen Mann im Weißen Haus um seinen Abschied gebeten. Das kleine, gemütlich-bescheidene Büro im siebten Stock des State Department wird der Maschinist im Getriebe der amerikanischen Diplomatie wenige Monate nach seinem 82. Geburtstag räumen.

Damit geht die erstaunliche Karriere eines Mannes zu Ende, der Macht und Einfluß nie aus Eigennutz suchte, sondern um die Welt zu ändern – zumal die Welt im Schatten der Bombe. Lange Zeit war für Nitze der kommunistische Rivale im Osten die größte Gefahr, die es einzudämmen galt; da war er unermüdlicher Mahner einer Politik der Stärke.

Aber zugleich – und zunehmend – ging es ihm um die Bändigung nicht nur des großen Gegenspielers, sondern auch der unheimlichen Bombe selbst.

Unermüdlich, faktenhungrig, diskret und diskutierfreudig wirkte er in Washington auf Verhandlungslösungen hin. Den INF-Vertrag hat er zum Erfolg bugsiert, das vermessene SDI-Programm Reagans für die Rüstungskontrolle zurechtgestutzt. Daß der neue Start-Vertrag über die Begrenzung strategischer Waffen nicht mehr zum Abschluß kam, hat ihn enttäuscht; an ihm hat es nicht gelegen.

Nitzes Motto war working the problem – mit Vernunft, Einsicht und Hartnäckigkeit würde sich schon eine Lösung finden lassen. Jetzt will er zwar noch gelegentlich Präsidenten beraten, aber im übrigen Vorlesungen halten – an der Johns Hopkins School for International Studies, der er vor Jahren schon einen Teil seines Vermögens gestiftet hatte. -cb-